3. Kapitel

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3. Kapitel

Kleopatra saß im Heck des Bootes, Naaman und ich ruderten.

„Dort liegt die Tuti-Insel. Etwas weiter nach rechts in die kleine Bucht“, forderte uns Kleopatra auf.

Mit aller Kraft ruderten wir auf die Bucht zu. Der Bug stieß zwischen den Bäumen an Land. Wir stiegen aus und zogen das Boot in eine kleine, grasbewachsene Kuhle in der Uferböschung. Das knietiefe Unterholz bot sich als ideales Versteck für unser Boot an.

„Das Dorf liegt da drüben“, rief uns Kleopatra zu, die bereits losgelaufen war. Naaman und ich beeilten uns, ihr zu folgen.

So kamen wir in die Nähe des Dorfes. Wir bewegten uns jetzt mit großer Behutsamkeit fort und spähten nach allen Seiten aus. Die Sterne flimmerten spärlich und schwach. Immer wieder stol­perte ich über ein Gebüsch oder fiel in ein Sandloch. Kleopatra und Naaman arbeiteten sich sicher und lautlos wie zwei Katzen durch das Gestrüpp.

Schließlich gelangten wir an den Rand des Dorfes. Vor einem der Häuser brannte eine Lampe. Dort machten wir halt. Das Gebäude war einstöckig und befand sich mit einem Innenhof innerhalb einer zwei Meter hohen Umwallung.

„Taharqa ist der Barbier des Dorfes“, klärte uns Kleopatra auf. „Bei ihm sind wir vorerst sicher.“

Das Tor war verschlossen; daneben hing an einer Schnur ein hölzerner Hammer, mit dem Kleopatra klopfte.

Erst nach längerer Zeit öffnete der Barbier, ein hagerer Mann mit einem schneeweißen Bart.

„Prinzessin, herzlich willkommen!“, begrüßte der alte, ge­brechliche Hausherr freudig überrascht Kleopatra.

Sie streckte ihren Zeigefinger aus und hob die Hand auf die Brust.

„Ich habe verstanden“, sagte Taharqa, ließ uns eintreten und verriegelte das Tor wieder.

Er führte uns über den beleuchteten Hof. Einen Grasplatz oder Blumenbeete gab es nicht, sondern nur eine einzige Wildnis von allerlei Unkraut und verdorrten Pflanzen. Neben der Mauer stand ein Stuhl, über dem ein starker Draht gespannt war, an dem ein Wasserkessel hing, den man hin- und herschieben konnte.

„Hier bediene ich meine Kunden“, klärte mich der Barbier auf, nachdem ihm mein fragendes Gesicht aufgefallen war. „Kommt mit ins Haus!“

„Izzay sahha? ─ Wie ist die Gesundheit, Taharqa?“, fragte Kleopatra.

„Meine Gesundheit ist gut, Prinzessin.“

„Wir bitten dich um deine Hilfe, Taharqa!“, sagte sie und drückte die Hand des Alten. „Wir werden wahrscheinlich von den Schilluk verfolgt.“

Kommt rein, setzt euch! Tee? Moment!“

Wir machten es uns auf dem Diwan gemütlich, während der Hausherr in der Küche den Tee zubereitete.

Kleopatra klärte uns über den Alten auf:

„Taharqa ist ein Nubier. Er ist ein Freund unserer Familie.“

Der Alte brachte den Tee.

„Kif hâlak? ─ Wie ist die Lage, Taharqa?“, fragte Kleopatra den Alten.

„Vernehmt das Leid, das über dieses Haus hereingebrochen ist!“, klagte Taharqa.

„Was ist geschehen?“

„Ich werde einer schweren Prüfung unterzogen. Mir wurde meine einzige Tochter genommen, die nach dem Tod meiner Frau mein Glück und meine letzte Freude war.“

„Deine Tochter? Aisha? Ist sie gestorben?“

„Ja, sie ist an der Cholera gestorben. Sie war der Stolz meines Lebens. Sie war mein Stern und meine Sonne. Nun ist der Stern erloschen und die Sonne untergegangen.“

Tränen kullerten in den grauen Bart des alten Mannes.

„Was bin ich doch für ein schlechter Gastgeber!“, entschuldig­te sich Taharqa. „Ihr seid auf der Flucht vor den Schilluk und ich belaste euch mit meinen Sorgen. Ihr seid sicher müde und wollt eine Schlafgelegenheit für die Nacht. In diesem Haus ist genug Platz.“

Nach dem ereignisreichen Tag war ich tatsächlich hundemü­de. Unsere Geschichte war rasch erzählt, und bevor wir uns zum Abendessen setzten, zeigte uns Taharqa unsere Schlafräume.

Dann, nachdem wir Ackerbohnen, Zwiebeln und Käse aus einer großen Schüssel gegessen und jeder ein gutes Glas Malven­tee getrunken hatte, setzten wir uns zusammen, um unsere Aussichten zu erörtern. Wir kamen zum Schluss, die Insel am nächsten Morgen so schnell wie möglich wieder zu verlassen.

„Bevor ihr mich verlasst, werde ich euch Monsignore Combo­ni vorstellen“, teilte uns der Nubier mit. „Er hat in der Mission nebenan Zuflucht vor den Mahdisten gefunden.“

„Bischof Daniele Comboni?“, staunte Kleopatra.

„Ja, kennst du ihn?“

„Aber natürlich. Er ist auch ein Freund unserer Familie seit er in Khartum ist. Ich freue mich, ihn wieder zu sehen.“

Kleopatra gab mir durch einen Wink zu verstehen, dass sie mich allein sprechen wollte. Wir verabschiedeten uns von Tahar­qa und Naaman, die sich angeregt unterhielten, und stiegen auf das Dach des Hauses. Hier konnten wir die Gassen zwischen uns und den Nachbarhäusern überblicken. Kleopatra hielt meine Hand fest und flüsterte:

„Wie hast du Naaman kennengelernt?“

„Er hat mir das Leben gerettet.“

„Was ist geschehen?“

„Ich war mit einer koptischen Gesandtschaft auf dem Weg nach Juba am Weißen Nil. Dabei wurden wir von den Schilluk überfallen. Meine Dienerschaft wurde niedergemacht. Ich über­lebte das Massaker als Einziger, weil die Schilluk für mich Löse­geld erpressen wollten. Naaman hat mir zur Flucht verholfen.“

„Lösegeld?“

„Ja, die Schilluk hatten erfahren, dass ich der Sohn von Abd el-Kader bin.“

„Der algerische Freiheitskämpfer und Gelehrte?“

„Ja. Mein Vater lebt heute in Damaskus.“

„Ich weiß. Er nahm sich der verfolgten Christen an und rettete in Damaskus mehrere tausend von ihnen vor einem Massaker vor den Drusen.“

„Unsere Familie hatte durch diese Rettung viele christliche Freunde gefunden. Dabei bin auch ich Christ geworden. Taharqa hat dich Prinzessin genannt. Wo bist du geboren?“

„Ich komme aus Taqali, das in den Nuba-Bergen liegt. Mein Vater ist der König von Taqali.“

„Dann bist du also wirklich eine Prinzessin?“

„Ja. Wie kam eigentlich Naaman zu den Schilluk?“

„Er war wie ich ein Gefangener von ihnen.“

„Ich muss dir gestehen, dass ich Naaman nicht getraut habe. Allerdings wusste ich nicht, dass er dir das Leben gerettet hat. Lass uns jetzt nach unten gehen. Morgen wird ein langer Tag.“