3. Leseprobe: Abenteuerroman «Auf der Tuti-Insel»

image-10086959-03_Auf_der_Tuti-Insel-9bf31.jpg
3. Auf der Tuti-Insel

Die beiden Schwestern Kleopatra und Arsinoë saßen im Heck des Bootes, Naaman und ich steuerten das Ufer der Tuti-Insel an, wo wir fünf Jahre unserer Jugend verbracht hatten. Obwohl wir seit zwanzig Jahren nicht mehr auf der Insel waren, hofften wir, bei den nubischen Tawwata, den eingesessenen Mahas, Unterschlupf zu finden, denn wir mussten damit rechnen, dass uns Kaikun Bey verfolgen ließ.
Auf der Tuti-Insel gibt es nur ein einziges Dorf und einige etwas entfernt liegende Häuser. Der alte Kern des Ortes konzentriert sich um die Moschee. Die Bevölkerung lebt vom Anbau von Gemüse, Zitrusfrüchten und Bananen auf den Feldern, deren fruchtbare Böden aus den Ablagerungen von Nilschlamm entstehen. Die Felder am Rand der Insel werden im August und September durch die jährlichen Überflutungen des Nil bewässert.
Wir zogen das Boot ans Ufer und gingen zum Dorf. Schon von weitem sahen wir die Moschee und unsere ehemalige Schule.
Vor einem der Häuser machten wir halt. Das Gebäude war einstöckig und befand sich mit einem Innenhof innerhalb einer zwei Meter hohen Umwallung, deren Ziegel auf der Insel gebrannt worden waren.
„Meine Freunde, herzlich willkommen!“, rief der alte, gebrechliche Hausherr freudig überrascht in seinem nubischen Dialekt, als er Naaman und mich erkannte.
„Izzay sahha? ─ Wie ist die Gesundheit, Taharqa?“, fragte ich den Alten.
„Meine Gesundheit ist gut.“
„Wir bitten dich wieder um deine Hilfe, Taharqa!“, sagte ich und drückte die Hand des Alten. „Wir werden wahrscheinlich von Kaikun Bey verfolgt.“
„Bitte, kommt herein!“
Als wir es uns auf dem Diwan gemütlich gemacht hatten und der Hausherr in der Küche einen schwarzen Tee zubereitete, klärte ich Kleopatra und Arsinoë über den Alten auf:
„Taharqa ist ein Tawwata, ein Nubier. Er hatte uns in unserer Jugend oft vor Kaikun beschützt.“
Der Alte brachte den schwarzen Tee.
„Kif hâlak? ─ Wie ist die Lage, Taharqa?“, fragte ich den Alten, nachdem wir ihn aufgeklärt hatten, dass wir Kleopatra aus den Händen des Schilluk befreit hatten und dass wir einige Tage untertauchen mussten.
„Vernehmt das Leid, das über dieses Haus hereingebrochen ist!“, klagte Taharqa.
„Was ist geschehen?“, fragte ich, besorgt über den Ausdruck der Verzweiflung, der nun in seinen Zügen zu lesen war.
„Ich werde einer schweren Prüfung unterzogen. Mir wurde meine einzige Tochter genommen, die nach dem Tod meiner Frau mein Glück und meine letzte Freude war.“
„Deine Tochter? Aisha?“, fragte ich. „Ist sie gestorben?“
„Ja, sie ist an der Cholera gestorben. Sie war der Stolz meines Lebens. Sie war mein Stern und meine Sonne. Nun ist der Stern erloschen und die Sonne untergegangen.“
Tränen kullerten in den grauen Bart des alten Mannes.
Ich wollte gerade fragen, wann das geschehen sei, als ein Nachbar des alten Mannes eintrat und meldete:
„Ein Priester von der Mission steht draußen. Er möchte dich sprechen, Taharqa.“
„Ich will niemanden sprechen. Sage ihm, ich bin verreist ─ nein, sage ihm, ich bin tot, gestorben vor Gram und Leid.“
„Er hat dich und deine Gäste gesehen, Taharqa“, entgegnete der Nachbar. „Es sei sehr wichtig, was er dir zu sagen habe.“
In diesem Augenblick trat ein Mann in die Wohnung. Er war jünger als Naaman und ich, vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt, und hatte europäische Gesichtszüge. Gekleidet war er nur in eine blauleinene Hose und Jacke, die durch einen Lederriemen über dem Gürteltuch festgehalten wurden. Auf dem Kopf trug er den landesüblichen Fes.
„As salâmu aleikum! ─ Friede sei mit dir, Taharqa!“, grüßte der Priester den Alten mit fester, tiefer Stimme, würdigte uns aber vorerst keines Blickes.
„Aleikum as salâm! ─ Auch mit dir sei der Friede, Pater Josef!“, erwiderte Taharqa. „Du willst mit mir sprechen?“
Der mit Pater Josef Angesprochene fasste die beiden Frauen, Naaman und mich jetzt scharf ins Auge, so wie eine Katze, die eine Maus entdeckt hatte.
„Ja, ich muss mit dir sprechen, Taharqa“, erwiderte der Priester. „Lass uns nach draußen gehen.“
Er drehte sich auf dem Absatz um und ging vor das Haus. Taharqas Nachbar folgte dem Priester.
Als wir wieder allein waren, sagte der alte Mann:
„Pater Josef Ohrwalder und Daniele Comboni, der Bischof der Mission, sind gute Freunde von mir. Ihr müsst mich entschuldigen.“
Taharqa stand auf und verließ die Wohnung ebenfalls.
„Daniele Comboni“, sagte Naaman nachdenklich und nahm einen Schluck von dem schwarzen Tee. „Erinnerst du dich nicht, Malek?“
„Du hast recht, Naaman“, bestätigte ich, „es war der Priester, der uns in Khartum vor den Derwischen versteckt hatte.“
Ich war inzwischen aufgestanden und ging in dem Raum auf und ab. Kleopatra stand ebenfalls auf und sah mir entschlossen ins Gesicht.
„Ihr seid auch in den Nuba-Bergen gewesen?“, fragte sie mich mit fester Stimme.
„Ja, Kleopatra, wir waren auch dort“, erwiderte ich.
Meine Stimme klang heiser und verklemmt wie ein rostiges Schloss.
Jetzt konnte ich erkennen, wie ihre Augen in dem dunklen Gesicht aufblitzten.
„Ihr gehört zu den Ansar?“
„Ja, wir hatten uns den Ansar der Roten Flagge angeschlossen“, gestand ich.
„Ihr gehört zu den Sklavenjägern?“, fragte Kleopatra nach und ergriff meine Hand.
„Ja.“
„Warum habt ihr euer Leben für mich eingesetzt?“ Ein dunkler Schatten senkte sich über ihre Züge. „Sag mir die Wahrheit, Malek!“
„Deine Schwester Arsinoë hat uns gebeten, Kleopatra.“
Noch immer hielt sie mich fest und presste meine Hand mit schmerzhaftem Druck. Dann ging sie zur Tür, öffnete sie einen Spalt und blickte auf den Hof hinaus.
„Taharqa kommt“, sagte sie und kehrte auf ihren Platz auf dem Diwan zurück.
Die Tür öffnete sich und der Alte schob sich herein. Unter anderen Umständen wäre es zum Lachen gewesen, wie er langsam vorrückte und zaudernd einen Fuß vor den anderen setzte. Regungslos verkündete uns Taharqa:
„Die Gastfreundschaft ist uns Nubiern heilig. Ich hoffe, dass ihr meine Gastfreundschaft nicht missbraucht, auch wenn ihr jetzt bei den Ansar seid, wie mir Pater Josef berichtet hat.“
Auch mir ist die Gastfreundschaft heilig. Gott weiß, dass ich begonnen hatte, viele Dinge mit anderen Augen zu sehen, die ich bisher entweder nicht gewusst oder nicht genügend durchdacht hatte. Mit größerer Neugier als je zuvor hatte ich angefangen, nach dem Wesen der Dinge zu forschen.
Ich stieg mit Naaman auf das Dach des Hauses. Wir konnten die Gassen zwischen uns und den Nachbarhäusern überblicken. Zu unserem Erstaunen sahen wir keine Menschenseele. Nach einiger Zeit tauchte allerdings ein Mann vor der sarazenischen Pforte des Nachbarhauses auf. Er klopfte und wurde eingelassen. Kurz darauf kam ein zweiter, ein dritter und ein vierter. Ich zählte zehn Personen, die eingelassen wurden. Nach ungefähr einer halben Stunde verließen die Männer das Haus durch die Pforte wieder.
Naaman und ich bezogen abwechselnd unseren Wachposten auf dem Dach des Hauses. Wir wussten nicht, was der Priester Josef Ohrwalder im Schilde führte.
Als ich in der Nacht auf das Dach stieg, um Naaman bei der Wache abzulösen, fand ich meinen Freund in einer sonderbaren Stimmung.
„Malek, du weißt, dass ich manchmal Empfindungen, Eingebungen und Träume habe, die nur wir Nomaden haben. Vorher, als du Wache hattest, hatte ich so einen Traum.“ Der Baggara trat an die Brüstung und schaute zu den Sternen hinauf. „Es war ein fürchterlicher Traum. Ich ritt mit dir und den Ansar der Roten Flagge durch den Sudan. Mitten in der Savanne hielten wir an und du befahlst mir, abzusteigen und mich auf den Boden zu setzen. Und dann ─ dann kam das Fürchterliche. Ich fühlte plötzlich Stricke an den Händen und an den Füssen. Als ich dich fragte, was du mit mir vorhast, da brachst du in ein entsetzliches Gelächter aus. Es war ein Lachen, wie ich es noch nie von dir gehört hatte, ein Lachen, das mir durch Mark und Bein ging. ‚Naaman, du bist ein unglaublich dummer Mensch‘, sagtest du. Danach hörte ich nichts mehr als das Schnauben der Pferde, die sich entfernten. Ich war allein in der Savanne, allein mit meiner Verzweiflung, allein mit der Hölle im Herzen. An die Einzelheiten meines Traumes kann ich mich nicht mehr erinnern, ich weiß nur noch, dass ich wie ein Verrückter an den Stricken zerrte, bis ich völlig erschöpft war.“ Naaman wandte seinen Blick vom Sternenhimmel ab und mir zu. „Aber das Schlimmste kam erst. Ich erfuhr in dem Traum, wer mich in der Dschahannam, in der Hölle, erwartet. Es ist der Wüstengott Seth in der Gestalt eines Krokodils. Ich habe seine Zähne in meinen Eingeweiden gespürt. Ein Entkommen war unmöglich. Seth zog mich unter Wasser, um mich zu ertränken. Dabei drehte er sich selbst mehrfach um die eigene Achse. Da er nicht in der Lage war, mich zu kauen, verschluckte er mich vollständig. Malek, kannst du begreifen, was es heißt und welchen Höllenschmerz es verursacht, mit einem Schlag in die Dschahannam hinabgerissen zu werden, selbst wenn es nur ein Traum war?“
Naaman hielt erschöpft inne und lehnte sich an die Brüstung. Ich gab ihm auf seine letzte Frage keine Antwort. Er zupfte und zerrte, was bei ihm stets ein Zeichen von Unsicherheit war, an seinem Turban.
Was sollte ich tun? Meinen Freund belügen und sein Vertrauen verletzen? Ich konnte ihm meine Gewissensbisse nicht mehr vorenthalten. Ein Verheimlichen war nicht mehr möglich. Deshalb begann ich möglichst schonend:
„Naaman, unsere Seelen wurden in den letzten Jahren schwer verletzt. Die schrecklichen Erlebnisse bei den Derwischen und bei den Ansar haben unsere Seelen erschüttert. Wir können kein Vertrauen mehr zu anderen Menschen aufbauen. Ein falsches Wort, selbst wenn es noch so gut gemeint ist, fassen wir als Beleidigung oder Ehrverletzung auf.“
„Ich weiß, was du meinst, Malek“, pflichtete mir Naaman bei. „Unsere Seelen gleichen einem löchrigen Wasserschlauch. Wir können noch so viel Wasser einfüllen, es quillt sofort wieder heraus.“
Naaman veredelte meine Worte wieder einmal durch seine Bildersprache. Er hatte mich verstanden. Lange sprachen wir kein Wort. Die Stille der Nacht wurde nur durch das Klappern von Geschirr unterbrochen, das zu uns heraufdrang. Ich blickte die Treppe hinunter und sah Kleopatra und Arsinoë, die in der Küche beschäftigt waren. Wehmütig betete ich vor allem Kleopatras Schönheit an.
„Naaman“, sagte ich und wandte mich dem Freund zu. „Ich glaube nicht mehr an Allah! Ich kann mich im Islam nicht mehr finden. Ich sehe nur noch den Hass in meiner Religion.“


Ich erwachte von einem eigentümlichen Gefühl, als streiche mir jemand mit der Hand sanft über das Gesicht. Noch halb im Schlaf griff ich zu und bekam eine Hand zu fassen, die, wie ich erkannte, ─ Kleopatra gehörte. Sie hielt meine Hand fest und bat mich, leise zu sein.
Es ist mir unmöglich, die Stimmung zu beschreiben, in der ich mich befand.
„Malek ─ ich danke dir ─ ich danke dir ─ so sehr ─ so sehr!“
Sie führte meine Hand so schnell, dass ich es nicht verhindern konnte, an die Lippen und küsste sie. Was musste sie durchgemacht haben, wie sehr musste sie sich nach Liebe sehnen. Ich nahm mir in diesem Augenblick vor, selbst mein Leben, wenn es sein musste, für sie einzusetzen.
„Willst du mir deine Geschichte erzählen?“, fragte sie mich liebevoll. Ihre Augen strahlten jene Wärme aus, wie ich sie noch bei keinem Menschen gefühlt hatte. „Vielleicht wird das deiner Seele Erleichterung bringen.“
„Ich danke dir, Kleopatra“, erwiderte ich. „Seit unserer ersten Begegnung war ich entschlossen, dies zu tun.“ Sogleich aber entzog ich ihr meine Hand. „Meine Geschichte! Sie ist so entsetzlich.“
„Malek, was es auch sei, was du mir zu sagen hast: Meine Gefühle für dich bleiben dieselben.“
„Ach, wenn ich das glauben könnte, Kleopatra! Aber ich darf dir meine Geschichte nicht verheimlichen. Ja, ich bin ein Gotteskrieger. Ich habe mit den Derwischen gegen die Aufständischen im Sudan gekämpft, ich war dabei, als sich die Rote, die Grüne und die Schwarze Flagge verbündeten und dem Mahdi folgten und ich kämpfte mit den Ansar im Tschad, in Kordofan und in Darfur gegen die Ungläubigen.“
Ich richtete mich auf, nahm einen Schluck von dem Tee, der vor mir auf dem Tischchen stand, und begann zu erzählen:
„Naaman und ich wurden als Jugendliche von den Derwischen gefangen genommen. Sie meinten, sie könnten uns als junge Burschen zu Gotteskriegern ausbilden. Mein Freund Naaman glaubte, dass sich unser Schicksal nun erfüllt habe und es könne nichts Schlimmeres mehr für uns kommen. Die Hand des Himmels, so dachte er, habe uns schon erreicht und wir seien rettungslos verloren. Aber ach! Es war nur der Vorgeschmack der Leiden, die wir noch zu ertragen hatten. Es folgte eine zwanzigjährige Odyssee durch das Atlasgebirge, die Wüsten Nordafrikas und die Savannen der Sahelzone. Wir ritten mit den Derwischen in den Sudan, um dort die Aufständischen zu bekämpfen, wir lebten in den Höhlen am Nil, um von dort aus in den Kampf gegen die Ungläubigen zu ziehen und wir zogen durch die Sahelzone, um Jagd auf Sklaven zu machen. Naaman und ich waren dabei, als in den sudanesischen Dörfern Menschen massakriert, als am Nil Häuser gebrandschatzt und als im Tschad Frauen vergewaltigt wurden.“
Ich erzählte ihr nun meine ganze Geschichte, angefangen in Frankreich und Damaskus, wo ich meine Kindheit verbracht hatte, bis zu dem Tag, als wir mit der Roten Flagge in den Nuba-Bergen waren.
Kleopatra schwieg, als ich geendet hatte. Auch ich sagte lange Zeit nichts. Ich hatte Gott verloren und mein Unglück bestand darin, dass ich mir vorkam wie ein einsamer Wanderer in der Wüste, dem durch eine Fata Morgana ein Brunnen vorgegaukelt wird, der aber nicht die Kraft besitzt, ihn zu erreichen.
„Es war der Hass, der mich in die Hände der Gotteskrieger geführt hatte, der Hass über die Ungerechtigkeit, die mir in jungen Jahren widerfahren war“, fuhr ich fort. „Obwohl ich aus der Unterrichtsanstalt im algerischen Mascara geflohen war, wurde ich später einer der eifrigsten Koranschüler. Ich glaubte durch meinen Eifer jene Liebe zu finden, die im Koran beschrieben ist. Doch ich fand die Liebe im Islam nicht, im Gegenteil, mein religiöser Eifer wirkte sich tödlich auf meine Seele aus.“
Kleopatra nahm meine Hand, die ich ihr entzogen hatte.
„Ich wünsche dir, dass du nach der schweren Zeit deinen Frieden findest. Warst du eigentlich in all den Jahren bei deinen Eltern in Damaskus?“, fragte sie.
„Nein“, gestand ich. „Es wäre mein Glück gewesen, wenn ich so viel Vernunft besessen hätte, nach Damaskus und in meine Heimat zurückzukehren. Doch ich hatte die Wahnvorstellung, dass mein Vater mich, wie einst Abraham seinen Sohn Isaak, opfern wollte und dass ich deshalb meinen Weg gehen musste, den ich dann auch gegangen bin. Allerdings kämpfte ich einige Male mit mir selbst, ob ich nach meiner Heimat zurückkehren oder mit den Gotteskriegern gehen solle. An meiner Heimkehr hinderte mich die Scham. Zudem stellte ich mir vor, wie mich mein Vater verfluchen würde, wenn ich ihm unter die Augen käme. So war ich lange Zeit unentschlossen und wusste nicht recht, was ich anfangen und welche Lebensart ich wählen solle. Darüber vergaß ich die ausgestandene Not und verwarf den Gedanken der Rückkehr.“