2. Leseprobe: Abenteuerroman «Die Entführung»

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2. Die Entführung

„Ja, ja, Efendi, die Christen haben es nicht anders verdient, ihre Priester sind geflohen oder sie wurden inhaftiert! Wo sich Bischof Daniele Comboni versteckt hat, weiß niemand.“
Wohl schon zum zwanzigsten Mal wischte der dicke Mann mit einem Lumpen über den fettigen Schanktisch. Er atmete schwer. Ich stellte fest, wie der Wirt unseres Gasthofes nach jedem Satz hörbar schnaufte.
„Daniele Comboni?“, horchte ich auf.
„Ja, ja, Efendi, sie haben es nicht anders verdient, sie haben es nicht anders verdient …“
Es war düster im Schankraum des Gasthofes und die Luft stickig; es roch nach Tabak. Trotzdem flogen Stechmücken umher; eine war in mein Glas gefallen und versuchte mühsam, sich aus der klebrigen und schwach schäumenden Flüssigkeit zu befreien. Ich fischte sie heraus und ließ danach meinen Blick über die wenigen Gäste schweifen, die im Schankraum saßen.
Ich dachte an Kleopatra. Sie war wie eine Fata Morgana in mein Leben getreten. Nachdem sie uns um Hilfe angefleht hatte, hatten Naaman und ich das Haus von Kaikun verlassen. Mein Entschluss stand fest: Ich würde heute Nacht in sein Haus zurückkehren, um Kleopatra zu befreien.
„In der Stadt ist die Cholera ausgebrochen!“, teilte der Wirt mit und polierte mit seinem Lumpen eine Kaffeetasse. „Die Christen haben die Cholera in die Stadt gebracht.“
Das Gesicht des fetten Mannes glänzte vor Schweiß. Ich fühlte mich angewidert.
Als Naaman in den Schankraum trat, wandte sich der Wirt den anderen Gästen zu.
„Konntest du ein Boot auftreiben?“, fragte ich den Freund.
„Ja, es liegt für uns bereit.“


Wir stießen den Kahn vom Ufer ab. Arsinoë begleitete uns wieder. Es war eine jener Nächte, in denen der Nil ruhig und fast lautlos in seiner Bahn nach Norden floss. Die Schatten der Bäume und Sträucher am Ufer legten sich sanft auf das Wasser. Wir ließen das Boot von den Wellen treiben. Nur ab und zu korrigierten Naaman und ich mit den Paddeln die Richtung.
Ich ließ mich eine Strecke oberhalb der hohen Mauer an Land setzen. Mein Gewand und meine Waffen ließ ich im Boot, das Naaman und Arsinoë bewachten, und schritt am Ufer entlang zum Gebäude, dessen Umrisse sich bald aus ihrer grauen Umgebung hervorhoben.
Als ich am Kanal stand, lotete ich mit einem Stock die Tiefe des Wassers aus und stieg hinein. Ich musste nicht schwimmen; das Wasser reichte mir kaum an den Mund. Schlamm hatte sich auf dem Grund des Kanals abgesetzt, der mir das Vorwärtskommen erschwerte.
Nun floss das Wasser unterirdisch durch den Kanal. Ich begann meine Schritte zu zählen. Als der Tunnel komplett mit Wasser gefüllt war, holte ich tief Luft und tauchte ab. Nach meiner Berechnung musste ich mich unter dem kleinen Hof mit dem Wasserbecken befinden. Ich schob mich, halb schwimmend, halb stakend, so schnell wie möglich vorwärts.
Eine beachtliche Strecke hatte ich bereits zurückgelegt, als mir die Lunge zu platzen schien. Ich stieß mit der Hand an ein Hindernis. Es war ein aus massiven Holzstäben zusammengesetztes Gitterwerk, das vermutlich angebracht worden war, um Eindringlinge wie mich abzuhalten. Hatte ich noch genügend Luft, um zurückzuschwimmen? Ich rüttelte an dem Holzgitter. Es schien fest verankert zu sein. Schlagartig wurde mir bewusst: Mir ging die Luft aus!
Mit aller Gewalt stemmte ich mich gegen das Gitter ─ vergebens. Es war zu tief in die Mauer eingefügt. Verzweifelt fasste ich den mittleren Stab und zog ihn mit angestemmten Füßen an mich ─ er gab nach. Das Wasser hatte den Holzstab biegsam und morsch gemacht ─ ein zweiter Ruck und er brach ─ die anderen Stäbe brachen auch. Jetzt war die Öffnung groß genug: Ich konnte hindurchschlüpfen. Als meine Lunge zu zerspringen drohte, stand ich im Wasserbecken und holte tief Luft. Ich sah niemanden in dem kleinen Hof. Durch die Anstrengung und Anspannung zitterte ich am ganzen Körper. Als ich mich beruhigt hatte, stieg ich aus dem Wasser. Ich wollte gerade die Tür zu dem Zimmer öffnen, wo wir Kaikun getroffen hatten, als mich eine Hand am Arm berührte. Ich fuhr zusammen.
„As salâmu aleikum! ─ Friede sei mit dir!“, hauchte Kleopatra. „Ich wusste, dass du kommen würdest.“
Wir hörten Schritte. Kleopatra zog mich hinter einen Vorhang. Eine Sekunde später und Kaikun, der durch die geöffnete Tür kam, hätte uns gesehen. Er schritt an uns vorüber und verließ den Hof.
„Gibt es noch einen anderen Ausgang?“, fragte ich leise.
„Nein, die Türen sind alle verschlossen und die Fenster vergittert“, sagte die Schöne und nahm mich an der Hand. „Wir werden den gleichen Weg nehmen, den du gekommen bist.“
„Durch den Kanal?“
„Ja.“ Sie drückte mir das Ende eines Seiles in die Hand und band sich das andere Ende um den Bauch. Bei dieser Berührung bemerkte ich das angstvolle Beben ihrer Finger. „Wirst du das Seil halten?“
„Ja.“
Erst jetzt nahm ich wahr, dass sie sich ein Tragetuch vorne umgebunden und es mit ihren Siebensachen gefüllt hatte. Sie hatte sich also für die Flucht vorbereitet.
„Bist du bereit?“, fragte ich sie und befestigte das Ende des Seiles an meinem Gürtel.
„Ja“, antwortete sie mit leiser Stimme und blickte mich voller Vertrauen an.
„Gut, ich werde dich hinter mir herziehen.“
Wir stiegen in das Wasserbecken und ich schwamm voraus. Eine kleine Schrecksekunde gab es, als sich das Seil in den zerbrochenen Gitterstäben verfing. Ich schwamm zurück und konnte Kleopatra befreien. Endlich konnten wir im Tunnel auftauchen. Ich löste die beiden Enden des Seils und führte sie, an der Hand haltend, aus dem Tunnel. Als wir aus dem Kanal stiegen, hörten wir einen Schrei hinter uns. Man hatte Kleopatras Flucht entdeckt.
Eine Gestalt tauchte aus der Richtung des Hauses auf.
Ich zeigte auf die Stelle, an der ich Naaman und Arsinoë mit unserem Boot wusste und forderte Kleopatra auf:
„Flieh zum Boot! Ich werde ihn aufhalten!“
Der Verfolger kam näher. Ich bemerkte, dass er eine Pistole in der Hand hielt. In dem Augenblick, als ein Schuss krachte, sprang ich zur Seite. Eine Verwundung vortäuschend, stürzte ich theatralisch zu Boden. Die List glückte. Der Verfolger, einer von Kaikuns Leibwächtern, kümmerte sich nicht um mich und setzte nun Kleopatra nach. Kaum war der Leibwächter an mir vorbei, jagte ich hinter ihm her, fasste ihn von hinten und schlug ihn zu Boden. Arsinoë kam Kleopatra und mir entgegen. Sie drückte mir meine Pistole in die Hand. Naaman hatte das Boot bereits ins Wasser gestoßen. Kaum hatten wir die Riemen in die Dollen gelegt, als zwei Männer am Ufer erschienen. Es waren Kaikun und der Schwarze, der uns am Nachmittag ins Haus gelassen hatte. Kaikun sprang ins Wasser und hielt den Kahn am Heck fest. Geistesgegenwärtig ergriff Arsinoë ein Metallstück, das sie im Boot gefunden hatte, und schlug es dem Schilluk auf die Finger. Als der Schwarze sah, dass der Reth mit einem heiseren Schrei das Boot losließ, riss er sein Gewehr an die Schulter und feuerte uns eine Kugel nach, die an meinem Kopf vorüberpfiff. Die Strömung des Nil erfasste unser Boot schnell, und als ich nach einigen Ruderschlägen zurückspähte, waren die beiden vom Ufer verschwunden.