1. Leseprobe: Abenteuerroman «Operation Kufta»

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1. Operation Kufta

Es war um die Mittagszeit in Khartum, wenige Meter vom Suq, dem Hauptmarkt der Stadt, und drei Querstraßen vom Nil entfernt. Ich saß auf dem Dach unseres Gasthofes und las in der ägyptischen Zeitung al-Ahram einen Artikel über Muhammad Ahmad, der auf der Aba-Insel im Weißen Nil eine Moschee gebaut und dort eine große Anhängerschaft um sich geschart hatte. Ich hörte die Stimme meines schwarzen Weggefährten und Freundes Naaman, der sich im Zimmer unter mir mit einer Frau unterhielt. Naaman und ich hatten uns in den Nuba-Bergen von den Ansar, den Anhängern des Muhammad Ahmad, abgesetzt, waren durch das Herrschaftsgebiet von König Adam nach Faschoda geritten und auf einem Schiff den Nil heruntergekommen.
Die Stimmung meines Freundes schien nicht die beste zu sein.
„Was willst du Weib?“, hörte ich ihn rufen.
„Verzeih mir, Efendi“, ertönte die Antwort. „Ich möchte den Emir sprechen.“
„Allahu Akbar! ─ Gott ist groß! Hier wohnt kein Emir!“, hörte ich die zornige Stimme von Naaman. „Verschwinde jetzt!“
„Wohnt hier nicht der Sohn des Emirs Abd el-Kader, Efendi?“, vernahm ich die verzweifelte Frage.
„Ja, aber er will nicht gestört werden.“
Ich stieg vom Dach in das Zimmer hinunter.
„Schick sie nicht weg, Naaman“, sagte ich zu meinem Freund und wandte mich an die Frau. „As salâmu aleikum! ─ Friede sei mit dir!“
„Aleikum as salâm! ─ Auch mit dir sei der Friede!“, erwiderte sie und verbeugte sich tief.
„Ismik êh? ─ Wie ist dein Name?“
„Ismi Arsinoë! ─ Ich heiße Arsinoë!“
Ein süßer, lieblicher und sinnbetörender Duft strömte mir entgegen, als Arsinoë ihren Gesichtsschleier zurückschlug. Ich blickte in ein sehr schönes Antlitz. Ihre Haut war bronzefarben mit einem Silberhauch, ihre tiefschwarzen Augen lagen unter langen Wimpern halb verborgen, wie Geheimnisse, welche nicht ergründet werden sollen. Ihre vollen Wangen waren weich und warm gezeichnet, die feingeflügelte Nase wies eher auf griechische als auf afrikanische Abstammung hin. Sie trug ein langes Gewand, welches den Hals eng umschloss und an der Taille von einem Netz aus Perlen zusammengehalten wurde. Diese Frau mochte achtzehn Jahre zählen.
„Was führt dich zu mir, Arsinoë?“, fragte ich verlegen.
Beim Klang meiner Stimme fuhr ihr Kopf mit einem jähen Ruck empor und es schien mir, als ob die dunklen Augen mit einem überraschten und ängstlich forschenden Ausdruck auf mir ruhten. Es bedurfte meiner ganzen Beherrschung, um ruhig zu erscheinen.
„Ich vertraue dir, Efendi, weil du der Sohn des Emirs Abd el-Kader bist“, sagte sie und ihre Augen schienen sich in meinen festzukrallen. „Der Wirt dieses Gasthauses hat mir verraten, dass ihr aus den Nuba-Bergen gekommen seid.“
„Das ist richtig.“
„Ansar des Muhammad Ahmad hatten meine Schwestern und mich in den Nuba-Bergen gefangen genommen und nach Khartum gebracht.“
Naaman und ich blickten uns an.
„Ein Mann namens Kaikun Bey hält meine Schwestern in seinem Haus in Omdurman gefangen.“
„Kaikun Bey“, mischte sich Naaman überrascht in unser Gespräch ein, „der Reth der Schilluk?“
„Ja, seine Männer nennen ihn Reth“, bestätigte die Frau.
„Reth heißt in der Sprache der Schilluk König“, erklärte mein Freund. „Hat er dich zu uns geschickt?“
„Nein.“
„Warum kommst du zu uns?“, wollte ich wissen.
„Ich bitte euch, mir zu helfen, meine Schwestern aus den Händen von Kaikun Bey zu befreien.“
„So bist du also den Ansar entflohen“, folgerte ich.
„Ja.“
„Warum sollten wir die Sklavinnen von Kaikun Bey stehlen?“, entfuhr es Naaman.
„Wir Taqali sind keine Sklavinnen!“, fauchte Arsinoë meinen Freund an und ballte ihre Faust.
„Naaman hat es nicht so gemeint“, versuchte ich zu beschwichtigen.
„Wir Taqali sind Christen und verehren Abd el-Kader sehr“, fuhr Arsinoë fort und wandte sich wieder an mich. „Dein Vater nahm sich damals in Damaskus der verfolgten Christen an und rettete mehrere Tausend von ihnen vor einem Massaker durch die Drusen.“
„Ja, ich erinnere mich.“
Arsinoë bemerkte meine Ratlosigkeit, warf meinem Freund Naaman einen verächtlichen Blick zu und wandte sich zum Gehen.
„Ich habe mich anscheinend geirrt“, hörte ich sie noch sagen.
„Warte!“, rief ich ihr nach. „Wir werden es uns überlegen!“
„Ihr könnt mich unten am Nil finden!“, rief sie auf der Treppe und verließ den Gasthof.
„Was hast du vor, Malek?“, fragte mich Naaman.
„Ich weiß nicht“, wich ich der Frage aus und schritt in dem Zimmer auf und ab, die Schilderung der Frau aus den Nuba-Bergen bedrückte mich. „Vielleicht sollten wir ihr helfen.“
„Was gehen uns diese Weiber aus Taqali an, Malek!“, ereiferte sich mein Freund. „Lass uns morgen unsere Reise nach Ägypten fortsetzen!“
„Es ist wohl das Beste, wenn wir Khartum so schnell wie möglich verlassen“, überlegte ich und blätterte in der Zeitung, die ich noch immer in Händen hielt. „In all den Jahren ist uns Kaikun Bay immer wieder über den Weg gelaufen. Kannst du dich erinnern Naaman, als uns Muhammad asch-Scharif, der Scheich der Derwisch-Bruderschaft, in die Koranschule auf der Tuti-Insel bringen ließ?“
„Sicher. Wir waren wohl nicht älter als elf Jahre. Muhammad asch-Scharif behandelte uns wie seine eigene Kriegsbeute.“
„Als ich vorhin in der Zeitung al-Ahram einen Artikel über Muhammad Ahmad gelesen habe, ist mir bewusst geworden, dass wir bereits das Jahr 1881 schreiben. Was haben wir zusammen nicht alles erlebt!“
„Er passte wie ein Wachhund auf uns auf.“
„Wer?“
„Na Kaikun!“, war Naaman erstaunt, dass ich seinen Gedanken nicht gefolgt war. „Anfangs glaubten wir, wir könnten dem Scheich entwischen. Doch Kaikun, der bereits seit zwei Jahren als Schüler in der Koranschule war, ließ uns nicht aus den Augen. Er ahnte wohl, dass wir von der Tuti-Insel fliehen wollten.“
„Ja, er war damals noch ein Prinz der Schilluk, jenes Stammes, dessen Siedlungsgebiet nördlich und westlich der Stadt Malakal in der Provinz Sudan liegt und dessen Königssitz sich in Pachodo nahe der Stadt Faschoda befindet. Ich kann mich noch gut erinnern, Kaikun trug schon damals auf der Stirn diese Narben, die aussehen wie eine Art von hervorstehenden Punkten.“
„Wenn wir in der Moschee oder im Garten der Schule arbeiteten, saß Kaikun immer in der Nähe und beobachtete uns. In der Nacht wurden wir in einen kleinen Raum neben der Schule gesperrt. Wir zermarterten unsere Köpfe, wie wir von der Insel fliehen könnten.“
„Ja, genauso war es. Da die Insel nur über eine Fähre von Khartum aus zu erreichen ist, bot sich uns keine Gelegenheit zur Flucht.“
„Fünf Jahre saßen wir auf dieser verdammten Insel!“, fluchte Naaman und fuhr sich mit den Händen in die Haare.
„Kannst du dich an Muhammad Ahmad erinnern?“, fragte ich.
„Ja, er war der Sohn eines Bootsbauers in Khartum und auch schon seit längerer Zeit bei uns in der Schule auf der Tuti-Insel.“
„Er war der Lieblingsschüler unserer Lehrer. Das löste Neidgefühle bei Kaikun aus ─“
„─ der uns das Leben zur Hölle machte. Er bezichtigte uns sogar des Diebstahls und hetzte uns die Derwische auf den Hals.“
„Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Es gelang uns endlich, von der Insel zu fliehen.“
Naaman schaute jäh und wild auf und schneuzte sich, dass es wie ein Nebelhorn dröhnte. Er schlug mit der Hand auf den Tisch, an den er sich gesetzt hatte. Die Erzählung der Frau hatte meinen Freund mehr aufgewühlt, als er jetzt zugab. Der Name Kaikun Bey rief auch bei mir schreckliche Erinnerungen wach.
Plötzlich sprang Naaman auf, starrte mich sekundenlang an, schlug wieder mit der Hand auf den Tisch und sagte dann in ruhigem Ton:
„Malek, wenn du dieser Frau helfen willst, dann kannst du auf mich zählen.“


Wir fanden Arsinoë tatsächlich unten am Nil, wo ein Boot für uns bereitlag.
„Ich habe mich erkundigt. Wir gelangen am sichersten mit diesem Boot zu Kaikuns Haus“, sagte sie.
Eine Viertelstunde später saßen wir im Kahn, Naaman und ich ruderten. Ich trug eine Pistole unter meiner Djellaba. Seit ich bei den Ansar war, trug ich das lang wallende rote und dezent gestreifte Gewand, das sich von der ägyptischen Galabija durch eine angenähte spitze Kapuze unterscheidet. Die Djellaba wird vor allem von den Männern und Frauen in den Ländern des Maghreb getragen.
Naaman trug die Dschibba, die typische Kleidung der Ansar, die aus einem knielangen, weißen Hemd und knöchellangen Hosen bestand und ihn als Anhänger von Muhammad Ahmad erkennen ließ. Ich wusste, dass auch er eine Pistole und das Askara, das Schwert mit der geraden, zweischneidigen Klinge, unter der Dschibba trug.
Sowohl Naaman als auch ich trugen einen Turban aus dunkelblauem Guineatuch, den wir zusammengedreht um den Kopf und unter dem Kinn hindurch gewickelt hatten und gelegentlich über Mund und Nase zogen.
Am westlichen linken Ufer des Weißen Nil glitt unser Boot eine Strecke an Sesam- und Baumwollfeldern vorüber. Im Hintergrund ragten Sykomoren und Palmen empor. Als das Ufer felsiger wurde, entdeckten wir eine hohe Mauer, in der unser Lotse einen Eingang fand.
Als wir anlegten, bemerkte ich, dass ein Kanal zum Haus führte, der die Bewohner wohl mit Wasser versorgte. Arsinoë führte Naaman und mich vom Kanal weg zum Eingang des Hauses und kehrte zum Boot zurück.
Ich klopfte an die Tür. Nach einigen Minuten öffnete sich diese einen Spalt und ein Schwarzer streckte seinen Kopf heraus.
„Masa‘! ─ Guten Tag!“, grüßte ich.
„Masa‘!“, entgegnete der Schwarze.
„Wir kommen aus Kordofan und überbringen Kaikun Bey eine Botschaft von Muhammad Ahmad“, log ich.
„It faddal guwwa! ─ Bitte, kommt herein!“
Der Schwarze verneigte sich tief, riss die Türe auf und trat mit einer unterwürfigen Haltung zur Seite.
„Shukran! ─ Danke!“, sagte ich, legte die Hand auf die Stelle, wo ich mein Herz vermutete, und trat schnell ein. Naaman folgte mir.
Ich war nicht überrascht, als ich in einen schmalen und kahlen Gang trat, der nicht überdacht war. Die Zierpflanzen, die den Raum früher geschmückt hatten, waren längst verwelkt und verdorrt. Schwalbennester waren in den Hohlräumen des Gebäudes zu sehen.
Der schwarze Pförtner führte uns durch einen dunklen Torgang in einen kleinen Hof, in dessen Mitte sich ein Wasserbecken befand, das offenbar von dem Kanal gespeist wurde, den ich vorher bemerkt hatte.
Wir verließen den Hof und traten in ein geräumiges Zimmer, durch dessen vergitterte Fenster ein wohltuendes Licht fiel. Die mit Arabesken verzierten Wände und Säulen verliehen dem Raum einen wohnlichen Anstrich. Kaikun saß mit untergeschlagenen Beinen auf einem langen Diwan. Er erhob sich bei unserem Eintreten, blieb aber vor seinem Sitz stehen.
„As salâmu aleikum! ─ Friede sei mit euch!“, grüßte Kaikun, der immer noch einen grünen Turban und die Dschibba der Derwische unter seiner Kettenrüstung trug.
„Aleikum as salâm! ─ Auch mit dir sei der Friede!“, erwiderte ich mit einem leichten Kopfnicken.
„Was führt euch in mein Haus?“, fragte Kaikun, dem die Überraschung über unseren unerwarteten Besuch ins Gesicht geschrieben stand.
„Wir sollen dich von Muhammad Ahmad grüßen, Kaikun Bey“, entgegnete ich.
„Ihr habt den Mahdi getroffen?“
„Ja.“
Kaikun schlug verwundert die Hände zusammen.
„Wo habt ihr mit ihm gesprochen?“
„In den Nuba-Bergen.“
Kaikuns Blick bohrte sich forschend in den meinen und wanderte danach hinüber zu Naaman.
„Muhammad Ahmad muss gekommen sein, als ich bereits abgereist war.“
„Ja“, spottete Naaman, „du hattest es ziemlich eilig, dich mit den Sklavinnen aus dem Staub zu machen.“
„Dass wir keine männlichen Sklaven machen konnten, daran seid nur ihr von der Roten Flagge schuld!“ Der Schilluk stand hoch aufgerichtet vor uns. Er war von seinen widerstreitenden Gefühlen zerrissen. „Ihr habt uns den Sklavenhandel verdorben.“
„Du weißt ganz genau, dass das nicht stimmt, Kaikun“, ereiferte sich Naaman. „Ihr Schilluk ─.“
„Wir sind nicht gekommen, um uns zu streiten, Kaikun Bey“, mischte ich mich ein und gab Naaman ein Zeichen, dass er sich zurücknehmen solle. „Wir sind gekommen, um dir eine Botschaft des Mahdi zu überbringen“, log ich erneut.
Draußen auf dem kleinen Hof, durch den wir gekommen waren, hörte ich Schritte. Kurz darauf drängten sich einige bis an die Zähne bewaffnete Männer ins Zimmer. Der schwarze Pförtner hatte vorsichtshalber die Leibgarde von Kaikun herbeigeholt, nachdem ihm der Streit zwischen Kaikun und Naaman nicht entgangen war.
„Sprich!“, forderte mich der Schilluk auf und gab seinen Leibwächtern mit einer Handbewegung zu verstehen, dass sie sich noch etwas gedulden sollten.
„Es geht um eine große Sache, bei der du diesmal nicht zu kurz kommen wirst“, sagte ich.
„Eine große Sache?“
„Ja, die Operation heißt Kufta und ist streng geheim.“
Warum ich auf das Wort Kufta kam, was Hackfleischbällchen heißt, kann ich heute nicht mehr sagen.
„Kufta?“, wunderte sich Kaikun und blickte mich erwartungsvoll an.
„Ja, Kufta“, bestätigte ich und sah nicht nur die verdutzten Gesichter von Kaikun und seinen Leibwächtern, sondern auch das von Naaman. „Krieger der Baggara, der Dinka und Nuer werden an der Operation teilnehmen. Der Mahdi wird das Unternehmen koordinieren.“
„Wenn ich dich richtig verstanden habe, dann möchte Muhammad Ahmad, dass ich an dieser Operation teilnehme?“
„Genau.“
„Und was springt dabei heraus?“
„Das kann ich dir erst verraten, wenn du mir versicherst, dass du dich mit deinen Schilluk an dem Unternehmen beteiligst. Ort und Zeitpunkt der Operation werde ich dir mitteilen, nachdem ich mit dem Mahdi gesprochen habe.“
„Du traust mir nicht, Malek bin Abd el-Kader!“, grinste Kaikun, zog eine Pistole aus seinem Gürtel und fuchtelte damit vor meiner Nase herum.
„Ja, ich traue dir nicht, Kaikun Bey“, gab ich zu.
Er lachte laut auf. Darauf folgte eine lange Pause. Kaikun verschränkte die Arme und sein Blick musterte verstohlen seine Leibwächter.
„Wir werden uns beraten“, beendete er das Schweigen. „Man soll Reth Kaikun Bey nicht nachsagen, dass er wichtige Entscheidungen nicht mit seinen Männern besprechen würde. Ihr könnt es euch unterdessen auf dem Diwan hier bequem machen.“
Der Schilluk zog sich mit seinen Männern in den kleinen Hof zurück, und das leise Tuscheln und Zischeln hörte sich wie das Rieseln eines Baches an.
Als Naaman und ich allein in dem Zimmer waren, flüsterte er mir zu:
„Operation Kufta! Warum hast du mich vorher nicht eingeweiht?“
„Ist mir auch eben eingefallen.“
In diesem Augenblick öffnete sich neben dem Diwan eine Tür. Aus dem angrenzenden Zimmer drang diffuses Licht, es beschien sie von hinten, und die Silhouette ihres schlanken, reglosen Körpers zeichnete sich dunkel ab.
Sie verharrte einen Moment, sah uns an. Ich sah ihre Augen, hielt mich daran fest. Ein unerklärliches Verlangen erfasste mich. Jetzt sah ich ihr ganzes Gesicht im Licht, das durch die vergitterten Fenster fiel, und sah ihren ganzen Körper. Sie trug nur ein durchsichtiges Seidengewand und bedeckte nun ihr Gesicht mit einem Schleier. Die Erregung fuhr mir in die Kehle. Sie musste eine der Schwestern sein, die Kaikun aus Taqali verschleppt hatte, denn ihre Ähnlichkeit mit Arsinoë war nicht zu übersehen. Ich ging auf die Schöne zu. Sie wich zurück, zog sich in den Schatten der Tür zurück. Mir war, als würde mir das Verlangen nach ihr die Haut vom Leib reißen, so sehr wurde mein Körper von ihrem Körper angezogen.
„Ismik êh? ─ Wie ist dein Name?“, fragte ich die Schöne und bemerkte, dass ihre Haut auch bronzefarben mit einem Silberhauch war.
„Kleopatra“, sagte sie.
Ich konnte mich nicht erinnern, eine so warme und feste Stimme gehört zu haben. Ein süßer, lieblicher Duft betörte mich. Ich hatte noch nie die Liebe gefunden. Ich scherzte, spottete und lachte über die Schwächlinge, die ihre goldene Freiheit für einige Tage der Lust verkauften, um in Ketten zu erwachen. Nie sollte mein Herz anders klopfen als für die Freiheit, und jetzt? ─ Ein einziger kurzer Moment ergriff mein starres Herz, um mein Sehnen, mein Verlangen, mein Begehren zu wecken.
„Kleopatra! Deine Schwester Arsinoë schickt uns“, hörte ich mich selbst sagen.
„Rettet mich!“, flüsterte Kleopatra.
„Wo sind deine Schwestern?“, fragte ich die Schöne im Flüsterton.
„Kaikun hat sie an den Sklavenhändler Osman Digna verkauft. Mich will er für sich behalten.“
„Wir holen dich hier in der Nacht heraus, Kleopatra“, raunte ich ihr zu.
Die Beratung der Männer dauerte noch an, als einer von ihnen eintrat. Mir stockte der Atem. Aber Kleopatra war so schnell hinter der Tür verschwunden wie sie aufgetaucht war. Der Leibwächter postierte sich an der Tür. Er hatte wohl den Befehl erhalten, uns zu beobachten. Von unserem Geheimnis hatte er nichts mitbekommen.