«Wusstet ihr nicht, dass ich im Hause meines Vaters sein muss?»

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Jesus unter den Gelehrten im Tempel (Gemälde von Paolo Veronese, um 1558)
Der zwölfjährige Jesus war nicht im Tempel von Jerusalem; er war im «Hause» seines Vaters! «Doch sie verstanden nicht, was er ihnen damit sagen wollte.»

Lukas-Evangelium: Seine Eltern zogen alljährlich zum Osterfest nach Jerusalem. So pilgerten sie auch, als er zwölf Jahre alt war, der Festsitte gemäss hinauf. Als die Tage vorüber waren und man auf dem Heimweg war, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem zurück, ohne dass seine Eltern es merkten. In der Meinung, er sei bei der Reisegesellschaft, gingen sie eine Tagreise weit und suchten ihn bei Verwandten und Bekannten. Aber sie fanden ihn nicht. Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel. Er sass mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen an sie. Alle, die ihn hörten, staunten über sein Verständnis und seine Antworten. Da sie ihn erblickten, wunderten sie sich. Seine Mutter sagte zu ihm: «Kind, warum hast du uns so etwas getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht!» Er erwiderte ihnen: «Warum habt ihr mich denn gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich im Hause meines Vaters sein muss?» Doch sie verstanden nicht, was er ihnen damit sagen wollte.
Dann zog er mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und blieb ihnen untertan. Seine Mutter bewahrte alle diese Dinge in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, an Alter und an Wohlgefallen vor Gott und den Menschen.

Der Redakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, Matthias Schulz, schreibt in einem Artikel: «Zwischen Strohdächern und Ziegenpferchen wuchs der Knabe auf. Gemüsegärten umgaben das Dorf. Ausgräber fanden Weinpressen. Schon vor Morgengrauen mussten die Frauen aufstehen und Brot backen, das die Männer mit auf die Felder nahmen. Der Bibel zufolge hatte Jesus vier Brüder. Einer von ihnen, Jakobus, wurde 62 n. Chr. ebenfalls wegen Aufrührerei hingerichtet. Der Vater Joseph arbeitete als Tekton, also Maurer. Luther machte daraus einen Zimmermann. 200 bis 400 Menschen lebten damals im ärmlichen Nazareth. Die dortige Synagoge besuchte der Junge früh. Seine Freunde nennen ihn später Rabbi. Die fromme Welt Galiläas war allerdings bedroht. Am See Genezareth entstand eine Fischzucht samt Pökelzentrum. Münzen mit heidnischen Symbolen kamen in Umlauf. Riesige Landgüter und Luxusvillen wurden gebaut. In Sepphoris, fünf Kilometer von Jesu Heimatdorf entfernt, öffnete ein Theater für 4200 Besucher. 19 n. Chr. erhielt Galiläa eine neue prachtvolle Hauptstadt: Tiberias am Ufer des Sees Genezareth. Dort lebte der jüdische Landesfürst Herodes Antipas in einem Palast, geschmückt mit Tierbildern. Derlei war den Bauern im Umland ein Gräuel. Der Feind errichte Marktplätze, "um Huren daraufzustellen", grollte ein Rabbi im 2. Jahrhundert. Jüdisches Leben gehorchte ganz anderen - strengen - Gesetzen. Am Sabbat durfte keiner arbeiten, nicht mal Feuer machen. "Aussätzigen" (Josephus) war das Betreten Jerusalems verboten. Ständig wusch und reinigte sich der Fromme. Unkoscheres Essen befleckte ihn, mehr noch Menstruationsblut: Frauen in der Periode mussten deshalb die Küche verlassen.

Grabungsfunde zeigen, dass selbst Bauern in ihren Häusern Tauchbäder sowie Steinwannen für die rituelle Waschung und Ölung der Füsse besassen. Wer eine Leiche berührte, konnte sich nur mit Wasser entsühnen, das mit der Asche einer roten Färse vermischt war.»

Lukas erzählt als einziger der Evangelisten von dem zwölfjährigen Jesus im Tempel. Mutter Maria macht Jesus Vorwürfe; sein Vater Joseph steht daneben und schweigt. Eher untypisch, wenn man sich die patriarchalen Familien vor Augen führt.

War Jesus ein Königssohn? Dazu ein wohl sehr bekannter, beliebter, charismatisch und weise, keine Angst vor dem Tempel und immer unterwegs. War er, wie die Juden sagen, ein Galiläer, ein Hurensohn? War er ein Römer königlichen Geblüts? War er ein Ägypter griechischer Herkunft? War er ein Maure mit römischen Wurzeln?

Wer machte aus Jesus später den armen Juden aus Nazareth? Wozu? Wie kam es zu der Hochstilisierung „Erlöser“ und zur grenzenüberschreitenden Berühmtheit, noch bevor Rom das Geschehen in den Griff bekommt und diesen Jesus (nolens volens?) zum Christus kürt? Sind die von Rom verbotenen alten Schriften (z.B. auch die aus Nag Hammadi) Verherrlichungen seiner charismatischen und mutigen Persönlichkeit und zu gefährlich für Rom?

Dieser Jesus muss historisch Spuren hinterlassen, die ihn als den ersehnten Erlöser weit und breit so populär machen, dass selbst Rom dagegen machtlos ist und ihn «umfunktioniert» für ihre brutal-weltliche Macht-Kirche.

Jesus lehrt gegen das herrschsüchtige Regime und für das Volk; er bezieht offen Stellung. Sonst wäre er nicht der «Erlöser» (Nag Hammadi)! Sonst würde Rom auch nicht die urchristlichen Lehren bei den verschiedenen Völkern verbieten, verbrennen und Besitzer derselben hinrichten. Rom lässt vieles aus der Lehre Jesu vernichten. Die Inquisition geht da ganz brutal vor. Das erste Inquisitionsopfer ist ein Bischof aus Spanien. Er wird in Trier, dem «Zweiten Rom», hingerichtet, weil er die neue Lehre Roms nicht predigt, sondern noch die alte, wohl echte Lehre des «Erlösers»?

Ich habe jetzt etwas vorgegriffen: Noch befinden wir uns ungefähr im Jahr 7 n. Chr. und der zwölfjährige Jesus, der den Lehrern im Tempel Fragen stellt, ist sicher von Philon von Alexandria und Hillel inspiriert. Wenn Jesus von königlichem Geblüt ist, so geniesst er sicher auch die beste Ausbildung, kennt die schärfsten Denker und mächtigsten Leute seiner Zeit. Kennt er Philon von Alexandria persönlich, als er mit seinem Vater in Ägypten gewesen ist?