Was spricht für die Existenz Jesu?

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Das Abendmahl (Gemälde von Leonardo da Vinci)
Am Heiligabend 1994 meldete die Londoner Times als Sensation auf Seite eins, der Paderborner Papyrologe Carsten Peter Thiede habe "den ersten Beweis eines Augenzeugen-Berichts vom Leben Christi" geliefert, und zwar mit dem Papyrus in Oxford.

Der Kommentar der Times: "Seit der Entdeckung der Schriftrollen vom Toten Meer ist dies wohl der bedeutendste Durchbruch in der neutestamentlichen Forschung." Mit keinem Wort äusserte die Zeitung irgendeinen Zweifel an Thiedes "Beweis".

Die Times zeigte auch die drei Oxforder Fragmente. Sie sind längst schon als Text aus dem Matthäus-Evangelium identifiziert worden. Neu und in der Tat sensationell ist Thiedes Behauptung, der Papyrus sei bislang falsch datiert worden und stamme nicht aus der Zeit "um 200", sondern sei "Mitte des ersten Jahrhunderts" entstanden. Bald darauf nannte Thiede im Rheinischen Merkur als Zeitpunkt "um 70".

Augenzeugen-Bericht über Jesus - das war das Stichwort, das damals ein weltweites Echo auslöste. Auch in Deutschland liess sich kaum eine Zeitung diesen Knüller entgehen.

"Jesus-Papyrus" nennt Thiede die Oxforder Fragmente des Matthäus-Evangeliums auch im Text seines Buches, und dutzendfach kehrt er dort seine Augenzeugen-These hervor.

Der "Jesus-Papyrus" könnte bereits "von Männern und Frauen gelesen worden sein, die mit Jesus durch Galiläa gewandert waren", schreibt er an einer Stelle. Und an einer anderen muss der Leser beinahe annehmen, sein Papyrus sei wie ein Extrablatt schon am Todestag Jesu verteilt worden: "Er hätte gut von einem Augenzeugen der Kreuzigung in Händen gehalten und gelesen werden können."

Für etwa gleich alt erklärt Thiede in seinem Buch den anderen, den Jerusalemer Papyrus. Der wurde in einer Höhle bei Qumran am Toten Meer gefunden. Thiede behauptet, es sei ein Fragment mit Text aus dem Markus-Evangelium.

In den Höhlen von Qumran wurden von 1947 bis 1956 etwa 900 Schriftrollen gefunden. Nur wenige waren relativ gut erhalten, darunter eine neun Meter lange Rolle. Von den meisten gab es nur noch Fragmente, manche lediglich mit wenigen Buchstaben.

Die elf Höhlen lagen in der Nähe einer Siedlung, die etwa vom Jahr 100 vor bis zum Jahr 68 nach "Christi Geburt" bewohnt war. Dann wurden die Gebäude und mehrere Höhlen von römischen Truppen zerstört.

Noch immer streiten sich die Forscher, ob in Qumran Familien lebten oder Mönche, Soldaten oder Angehörige der Oberschicht aus dem 25 Kilometer entfernten Jerusalem.

Und uneinig sind sich die Experten auch über die Religion der Qumran-Bewohner. Meist wird angenommen, dass sie eine Sekte waren, die sich von der Religionsgemeinschaft der Essener getrennt hatte. Diese Auffassung, in Qumran habe "ein winziges Häuflein religiöser Sonderlinge" gelebt, hält der Göttinger Neutestamentler Hartmut Stegemann für falsch. Die Siedler seien Essener mit der gleichen Einstellung wie die anderen Mitglieder dieser Religionsgemeinschaft gewesen.

Die in den Höhlen gefundenen Leder- und Papyrusrollen bieten reiches Material über das Judentum vor und in der Zeit Jesu, insbesondere darüber, woran die Essener glaubten und wie sie lebten. Und sie lassen erkennen, worin sie sich von anderen gläubigen Juden sowie von den ersten Christen unterschieden und was sie mit ihnen gemeinsam hatten.