Verwandtenmorde des Königs

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Herodes der Grosse
Natürlich ist Herodes bekannt für seine Grausamkeiten. Er, der von den Römern gestützte Vasallenherrscher, wittert hinter jeder Ecke einen Konkurrenten, Intriganten oder Königsmörder. Aber greift er deshalb zum Mittel des Präventivmordes an den Kindern seines Volkes?

Der römische Historiker Flavius Josephus, der in seinen Werken die Zeit und das Wirken von Herodes ausführlich beschreibt, erwähnt die Tat mit keinem Wort. Sinn macht sie indes für Matthäus und seinen theologischen Ansatz. Denn durch die Flucht von Maria und Joseph gelangt Jesus nach Ägypten. Damit wird das Wort des Propheten Hosea erfüllt: «Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.»

Ausserdem drängt sich der Vergleich mit Moses auf. Der wird in einem Korb auf dem Nil ausgesetzt, nachdem der ägyptische König angeordnet hat, alle neugeborenen Israeliten zu töten. Gleichwohl gehen die meisten Forscher heute davon aus, dass Jesus in den letzten Regierungsjahren des Herodes geboren wurde und nicht während der «Volkszählung», von der der Evangelist Lukas berichtet und die zu der Zeit nicht stattgefunden hat.

Ist der Kindermord von Bethlehem also nur eine literarische Erfindung des Evangelisten Matthäus? Oder steckt doch mehr dahinter? Eine verschlüsselte Botschaft?

Das Evangelium des Matthäus ist einfach nicht wasserdicht. Ein König würde niemals alle Knaben seines Volkes bis zum Alter von zwei Jahren umbringen lassen, nur um einen Konkurrenten auszuschalten. Allein die Tatsache, dass diese Knaben, wenn sie das wehrfähige Alter erreicht haben würden, für einen Krieg fehlen würden.

Herodes war tatsächlich ein Mörder, allerdings ein Verwandtenmörder:
36 v. Chr. lässt Herodes Mariamnes sechzehnjährigen Bruder Aristobulos, den er als Gefahr für den Thron empfindet, hinrichten, später auch ihren Grossvater Hyrkan.

Mariamne, die zweite Ehefrau von Herodes, die durchaus den Stolz ihrer Makkabäer-Dynastie besitzt, verzeiht ihm dies niemals. Ihre Mutter Alexandra verstrickt sich in mehrere Intrigen gegen Herodes und seine Schwester Salome.

29 v. Chr. wird Mariamne, auch auf Anstiftung von Salome, wegen angeblicher Untreue von Herodes hingerichtet. Herodes fällt darauf in eine tiefe Depression. Auch Alexandra wird kurze Zeit später zu Tode gebracht.

7 v. Chr. lässt Herodes auch seine Söhne Alexandros und Aristobulos aus der Ehe mit Mariamne hinrichten, da er wohl befürchtet, dass diese ihre Mutter rächen könnten.

In zweiter Ehe verbindet sich Berenike 6 v. Chr. mit Theudion, der ein Bruder der Doris, der ersten Frau Herodes des Grossen, und damit ein Onkel mütterlicherseits des Antipater ist, des ältesten Sohnes des Herodes. Antipater steht an erster Stelle in der Reihe der möglichen Thronfolger. Berenike verliert aber auch diesen zweiten Ehemann, da Theudion mit einer Verschwörung des Antipater gegen seinen Vater Herodes in Verbindung gebracht und durch dessen Sturz mitgerissen wird. Flavius Josephus schweigt zum genauen Strafmass, man muss aber annehmen, dass Theudion, wie Antipater, 5 v. Chr. hingerichtet wird.

Diese acht Morde sind im Gedächtnis der Bevölkerung haften geblieben und sind als Kindermord in Bethlehem in der Weihnachtsgeschichte des Matthäusevangeliums eingegangen.