Josef von Nazareth – ein König in der römischen Provinz?

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Büste Jubas II. im Louvre
Quirinius, der Statthalter von Syrien, ordnet eine Volkszählung an. Josef aus Nazareth bricht mit Maria auf, um nach Bethlehem in Judäa zu ziehen, damit er sich dort in die entsprechenden Steuerlisten eintragen lassen kann.

Der Amtsantritt von Quirinius in Judäa, im Jahr 6 unserer Zeitrechnung, ist historisch gesichert. Der Evangelist Matthäus berichtet, dass Jesus zurzeit von König Herodes geboren wird. Herodes stirbt im Jahr 4 vor der Zeitenwende, sodass zwischen beiden Zeitangaben mindestens 10 Jahre liegen.

Eine starke Argumentation gegen eine Volkszählung durch die Römer noch zu Lebzeiten des Herodes bildet die tradierte Gewohnheit der Römer, sich nicht in die inneren Angelegenheiten Judäas einzumischen. Da Herodes von Rom als ein «verbündeter» König betrachtet wird, ist eine Einmischung des Kaisers in dessen Hoheitsgewalt nach römischem Recht illegal.

Dieser Fragenkomplex wirft eine weitere Fragestellung auf: die Frage nach dem Warum der Wanderung von Josef und Maria nach Bethlehem. Der Aufruf, sich registrieren zu lassen, entspricht durchaus römischer Rechtspraxis. Der Steuerpflichtige muss dort zur Registrierung erscheinen, wo er Grundbesitz hat. Dort wird, neben Alter, Gewerbe und Familienangehörigen des Steuerpflichtigen, auch der Grundbesitz, die Vermögensobjekte und die verschiedenen Vermögensklassen von römischen Beamten in Listen eingetragen, die als Grundlage für die Besteuerung dienen.

Der Evangelist Lukas sagt, Josef sei nicht wie die Zeloten, die sich der Zählung entziehen und die Zahlung der Steuern verweigern; er sei ein Beispiel dafür, wie ein loyaler Bürger sich verhält. Das ist lukanische Strategie. Doch dahinter verbirgt sich eine weitere Überlegung: Nur wenn man Grundbesitz hat, muss man sich auf diese Art der Registrierung einlassen. Wenn Lukas an dieser Stelle also möglicherweise Historisches überliefert, dann muss Josef – und eventuell auch Maria, denn auch sie erscheint in Bethlehem persönlich – Grundbesitz in Bethlehem haben. Als Grundbesitzer aber müssen Josef und Maria eine Möglichkeit haben, in Bethlehem unterzukommen, bei Verwandten, möglichen Landpächtern, Bekannten, vielleicht Freunden.

Das römische Recht verlangt, dass Vermögenserklärungen entweder in der Heimatstadt oder in der Hauptstadt des zuständigen Steuerbezirks gemacht werden. Im Fall von Josef also in Nazareth oder in Sepphoris in Galiläa. Nicht aber in Bethlehem, in der Stadt eines angeblichen Stammesvorfahren. Ein weiteres Problem ist, dass Josef als Galiläer unter die Herrschaft von Herodes Antipas fällt und nicht unter die Herrschaft Roms in Judäa. Auch Herodes Antipas ist verpflichtet, den Römern Tribut zu leisten. Während in der unter römischer Herrschaft stehenden Provinz Judäa direkt die Steuer durch Rom erhoben wird, wird das im halb-autonomen Galiläa «innerjüdisch» gelöst. Eine Steuerschätzung in Bethlehem für einen Galiläer macht nur Sinn, wenn dieser über Besitz in Bethlehem verfügt und bei Nichtbefolgung der römischen Befehle damit rechnen muss, dass sein Besitz konfisziert wird. Das wirft die Frage nach den Einkommensverhältnissen von Josef auf.

Von daher ist anzunehmen, dass Josef und Maria nicht ganz so arm sind, wie sie in unseren Bildern und Erzählungen vorkommen. Zumindest scheinen sie den ihnen anvertrauten Kindern eine überdurchschnittliche Bildung zu ermöglichen. Allein die hervorragenden Thora-Kenntnisse Jesu sind ein sprechender Beleg dafür.

Es ist also anzunehmen, dass Josef und seine Familie Anteil an einem gewissen sozialen Status haben und nicht durch Subsistenz oder reale Armut in ihrem Leben geprägt sind.

Als Jesus seine Familie verlässt, um als Wanderprediger umherzuziehen, versucht die Familie, ihn «mit Gewalt zurückzuholen», denn sie sieht ihre religiöse und soziale Integrität in Gefahr.

Jesus stellt das gesellschaftlich durchgängige Bild der Familie in Frage. Von seinen Anhängern fordert er, Eltern, Kinder, das Leben, wie sie es kennen, zu verlassen und ihm zu folgen: «Wer nicht hasst Vater oder Mutter, kann nicht sein mein Jünger. Wer nicht hasst Sohn oder Tochter, kann nicht sein mein Schüler.» Im Judentum vor 2000 Jahren gilt es als oberste Pflicht, für die Eltern zu sorgen.

Da in der biblischen Überlieferung Josef nur im Kontext der Kindheitserzählungen Erwähnung findet, wissen wir nahezu nichts über ihn.

Zurück zur Volkszählung: Nur wegen eines Irrtums wird der römische Kaiser Augustus in der Weihnachtsgeschichte des Lukas-Evangeliums erwähnt, in der populärsten Passage der Bibel: Von ihm sei ein Gebot ausgegangen, «dass alle Welt sich schätzen liesse». Wahrscheinlich gab es eine solche Zählung gar nicht, und sicher ist, dass Josef und die schwangere Maria aus solchem Anlass nicht von Nazareth nach Bethlehem hätten reisen müssen.

Matthäus und Lukas sind Geschichtenerzähler. Wenn es die Volkszählung nicht gab, gab es überhaupt Jesus?

Nach den Evangelien gibt es Jesus gleich doppelt, man muss sich nicht für den einen oder anderen entscheiden. Doch die beiden haben nicht sehr viel mehr gemeinsam als den Namen. Der eine ist der Jesus der Bibelwort-Gläubigen, der andere ist der Jesus der Bibelkritiker. Jesus I ist in Bethlehem geboren, Jesus II in Nazareth. Der eine ist der einzige Sohn der Jungfrau Maria, der andere ist einer von fünf Söhnen des Ehepaares Maria und Josef.

Die Wahrheit kennt niemand. 2000 Jahre Geschichtsschreibung über Jesus Christus scheint auf recht wackligem Fundament zu stehen. Wenn wir die Frage nach dem historischen Jesus beantworten wollen, müssen wir die paar Dinge ernstnehmen, die ins Auge springen.

Die erste Signalflagge, die auffällt, ist die Volkszählung, die scheinbar nie stattfand; die zweite Signalflagge, die ins Auge sticht, ist das falsche Bild von der armen Zimmermannsfamilie und die dritte Signalflagge, die sich enthüllt, sind die sich widersprechenden Evangelien.

All diese Umstände geben mir die Gewissheit: Weder Josef und Maria noch Jesus waren Juden, und auch Bethlehem kann als Geburtsort Jesu ausgeschlossen werden. Schritt für Schritt zieht sich das Netz enger: Wenn wir unseren Fokus nicht nur auf Galiläa und Judäa richten, dann stossen wir zwangsläufig auf die Königreiche Numidien, Mauretanien und Ägypten – alles Provinzen des Römischen Reiches. Auf Basis der vielen einzelnen Indizien lässt sich ein plausibles Bild der Familie rekonstruieren.

Josef von Nazareth aus dem Neuen Testament ist weder ein Bauhandwerker noch ein Zimmermann. Er ist König von Numidien und Mauretanien. Sein Name: Juba II.

Nach der Niederlage seines Vaters Juba I. in der Schlacht bei Thapsus gegen Julius Caesar wächst Juba II. in Rom auf, wo er eine gute Erziehung erhält. Über sein Leben ist wenig bekannt. Er erhält das römische Bürgerrecht; 25 v. Chr. setzt ihn Kaiser Augustus als König von Numidien und Mauretanien ein. Hier fördert der neue König, der hochgebildet ist, die hellenistische Kultur durch die Gründung von Städten. Seine Hauptstadt Iol benennt er zu Ehren seines Gönners Augustus in Caesarea um und macht aus ihr ein bedeutendes urbanes Zentrum im hellenistisch-römischen Stil. In seine Hauptstadt lässt er auch ägyptische Kunstwerke überführen. Juba II. ist auch schriftstellerisch tätig und schreibt unter anderem Werke über römische Geschichte, Arabien und Libyen. Er ist mit Kleopatra Selene verheiratet, der Tochter von Kleopatra VII. und Marcus Antonius. Ein Sohn von Juba und Kleopatra Selene erhält den Namen Ptolemaeus; eine athenische Inschrift erwähnt eine nicht namentlich genannte Tochter des Königs Juba.

Um 1 n. Chr. hält sich Juba II. im Osten auf. Dort vermählt er sich mit Glaphyra, der Tochter von König Archelaos von Kappadokien. Vermutlich wird diese Eheverbindung geschieden, als Juba II. um 4 n. Chr. nach Mauretanien zurückkehrt. Nach seiner Trennung von Glaphyra nimmt er die Ehebeziehung zu Kleopatra Selene vermutlich wieder auf, die während Jubas Aufenthalt im Osten als Regentin von Mauretanien fungiert und dabei eigene Münzen herausgibt.

Im Jahr 6 n. Chr. kommt es zu einem Aufstand der maurischen Stämme gegen König Juba II. Der Aufstand kann erst mit Hilfe römischer Truppen niedergeschlagen werden.

Die Flucht nach Ägypten ist ein Ereignis aus der Kindheit Jesu, beschrieben im Matthäusevangelium. Apokryphe Schriften wie das Pseudo-Matthäus-Evangelium und das Arabische Kindheitsevangelium berichten darüber hinaus von Wundertaten des jungen Jesus. Ähnliches erwähnt die Legenda aurea.

Die Flucht ist eine der Sieben Schmerzen Mariens, derer im katholischen liturgischen Kalender gedacht wird.

Matthäusevangelium: Nachdem die Weisen aus dem Morgenland abgereist sind, erscheint Josef ein Engel im Traum. Dieser befiehlt ihm, mit Maria und Jesus nach Ägypten zu fliehen, da Herodes das Kind töten wolle. Dort solle er weitere Nachrichten abwarten. Nach dem Tod des Herodes erscheint der Engel wieder und befiehlt Josef zurückzukehren. Da aber nun Herodes‘ Sohn Archelaus Herrscher über Judäa ist, fürchtet sich Josef. Nach einer göttlichen Weisung zieht er mit seiner Familie nach Nazareth in Galiläa.

Nach dem apokryphen Pseudo-Matthäusevangelium wird Josef auf der Flucht von drei Knaben begleitet und Maria von einem Mädchen. Der kindliche Jesus vollbringt während und nach der Flucht zahlreiche Wunder: Drachen fallen huldigend vor ihm nieder und eine Dattelpalme beugt sich vor Maria und gibt danach an ihrem Stamm eine Quelle frei. Als die Familie in der ägyptischen Stadt Sotinen eintrifft, weiss sie nicht, wo sie Obdach finden soll. Als Maria mit dem Jesuskind deshalb einen Tempel betritt, stürzen 365 Götterbilder um. Der Priester und das Volk der Stadt bekehren sich nach diesem Zeichen.

Nach dem Arabischen Kindheitsevangelium sucht die Familie ein Krankenhaus auf, das dem höchsten ägyptischen Gott geweiht ist. Die Erde wankt und der Gott verkündet den erschrockenen Ägyptern, dies geschehe, weil ein wahrer Gott gekommen sei, dem sich alle unterwerfen müssen. Danach stürzt das sprechende Götterbild zusammen.

Nach der Legenda aurea neigt sich in Hermopolis in der Thebais ein heilkräftiger Baum namens Persidis vor den Herrn. Überdies liegt in jedem ägyptischen Tempel ein zerbrochenes Götterbild.

Seit 17 n. Chr. nehmen mauretanische Truppen einige Jahre am Kampf gegen Aufständische im benachbarten Numidien teil.

Juba II. stirbt im Jahr 23 n. Chr.; sein Sohn Ptolemaeus folgt ihm auf den Thron.

Ist Juba II. identisch mit Josef von Nazareth? Sowohl die Geschichtsforschung als auch das Neue Testament tun sich schwer mit den Ehebeziehungen von Juba II. und Josef von Nazareth. So kann es nicht erstaunen, dass die Bibel Leviratsehe und Jungfrauengeburt verkündet.