Herodes

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Das Massaker der Unschuldigen (Gemälde von Peter Paul Rubens)
„Als Jesus in den Tagen des Königs Herodes zu Bethlehem in Judäa geboren war, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem …», weiss Matthäus zu berichten. „Da liess Herodes die Weisen heimlich zu sich kommen und erkundigte sich bei ihnen genau nach der Zeit, da der Stern ihnen erschienen war. Dann wies er sie nach Bethlehem und sagte: ‘Zieht hin und forscht sorgfältig nach dem Kind. Sobald ihr es gefunden habt, gebt mir Nachricht; dann will auch ich kommen und ihm huldigen. (…) In einem Traum erhielten sie die Weisung, nicht zu Herodes zurückzukehren. So zogen sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurück. (…) Als nun Herodes sich von den Weisen hintergangen sah, geriet er in heftigen Zorn. Er liess in Bethlehem und in dessen ganzem Gebiet alle Knaben von zwei Jahren und darunter umbringen, entsprechend der Zeit, die er von den Weisen erforscht hatte.“

Eine grausamere Szene als jene, die im Londoner Auktionshaus Sotheby's 2002 die Rekordsumme von 76 Millionen Dollar einbringt, ist kaum vorstellbar: "Das Massaker der Unschuldigen", das Peter Paul Rubens 1610 auf die Leinwand bringt. Der Mord an den Kindern von Bethlehem, aus den Händen ihrer flehenden Mütter gerissen, zerschmettert, erstochen, erwürgt. Hat die Tat der grausame und machtgierige König Herodes von Judäa angeordnet?

Als Herodes nach der Geburt Jesu hört, es sei ein neuer König auf die Welt gekommen, will er umgehend diesen Konkurrenten seiner und seiner Söhne Macht ausschalten. Weil er trotz Beratung durch die Weisen aus dem Morgenland das Kind nicht dingfest machen kann, lässt er eben alle Jungen im entsprechenden Alter umbringen. Nur Jesus entkommt dem Massaker. So steht es jedenfalls im Matthäus-Evangelium des Neuen Testaments.

Natürlich ist Herodes bekannt für seine Grausamkeiten. Er, der von den Römern gestützte Vasallenherrscher, wittert hinter jeder Ecke einen Konkurrenten, Intriganten oder Königsmörder. Aber greift er deshalb zum Mittel des Präventivmordes an den Kindern seines Volkes?

Der römische Historiker Flavius Josephus, der in seinen Werken die Zeit und das Wirken von Herodes ausführlich beschreibt, erwähnt die Tat mit keinem Wort. Sinn macht sie indes für Matthäus und seinen theologischen Ansatz. Denn durch die Flucht von Maria und Joseph gelangt Jesus nach Ägypten. Damit wird das Wort des Propheten Hosea erfüllt: "Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen."

Ausserdem drängt sich der Vergleich mit Moses auf. Der wird in einem Korb auf dem Nil ausgesetzt, nachdem der ägyptische König angeordnet hat, alle neugeborenen Israeliten zu töten. Gleichwohl gehen die meisten Forscher heute davon aus, dass Jesus in den letzten Regierungsjahren des Herodes geboren wurde und nicht während der "Volkszählung", von der der Evangelist Lukas berichtet und die zu der Zeit nicht stattgefunden hat.

Ist der Kindermord von Bethlehem also nur eine literarische Erfindung des Evangelisten Matthäus? Oder steckt doch mehr dahinter? Eine verschlüsselte Botschaft? Meine Spurensuche führt nach Ägypten.