Ende des Verräters

image-8747138-00_Ende_des_Verräters.jpg
44 nach Christus

Tod von Herodes Agrippa I.



Herodes Agrippa pflegt nach aussen hin den Regierungsstil eines orientalischen, hellenistischen Herrschers. Innenpolitisch versucht er durch strenge Ausrichtung an den jüdischen Gesetzen die einflussreichen konservativen Kreise des Judentums auf seine Seite zu bringen.

Aus diesem Grund zettelt er wohl auch eine Verfolgung der jungen christlichen Gemeinde Jerusalems an, in deren Verlauf der Apostel Jakobus der Ältere (einer der beiden Söhne des Zebedäus) ermordet wird und Simon Petrus in Gefangenschaft gerät.

Herodes Agrippa I. stirbt 44 n. Chr. Sein Tod ist in der biblischen Apostelgeschichte beschrieben. Daher spielt er in der Chronologie der neutestamentlichen Ereignisse eine bedeutende Rolle:

«Als es aber Tag geworden war, gab es eine nicht geringe Bestürzung unter den Soldaten, was wohl aus Petrus geworden sei. Als aber Herodes nach ihm verlangte und ihn nicht fand, zog er die Wächter zur Untersuchung und befahl, sie abzuführen; und er ging von Judäa nach Cäsarea hinab und verweilte dort. Er war aber sehr erbittert gegen die Tyrer und Sidonier. Sie kamen aber einmütig zu ihm, und nachdem sie Blastus, den Kämmerer des Königs, überredet hatten, baten sie um Frieden, weil ihr Land von dem königlichen Land ernährt wurde. An einem festgesetzten Tag aber hielt Herodes, nachdem er königliche Kleider angelegt und sich auf den Thron gesetzt hatte, eine öffentliche Rede an sie. Das Volk aber rief ihm zu: Eines Gottes Stimme und nicht eines Menschen! Sogleich aber schlug ihn ein Engel des Herrn, dafür, dass er nicht Gott die Ehre gab; und von Würmern zerfressen, verschied er. Das Wort Gottes aber wuchs und mehrte sich.»

Hat sich die Geschichte um Jesus – von seiner Geburt bis zum Tod von Judas Iskariot – wirklich so abgespielt, wie es in den Evangelien und in der Apostelgeschichte geschrieben steht?

Am Heiligabend 1994 meldet die Londoner Times als Sensation auf Seite eins, der Paderborner Papyrologe Carsten Peter Thiede habe «den ersten Beweis eines Augenzeugen-Berichts vom Leben Christi» geliefert, und zwar mit dem Papyrus in Oxford.

Der Kommentar der Times: «Seit der Entdeckung der Schriftrollen vom Toten Meer ist dies wohl der bedeutendste Durchbruch in der neutestamentlichen Forschung.» Mit keinem Wort äussert die Zeitung irgendeinen Zweifel an Thiedes «Beweis».

Die Times zeigt auch die drei Oxforder Fragmente. Sie sind längst schon als Text aus dem Matthäusevangelium identifiziert worden. Neu und in der Tat sensationell ist Thiedes Behauptung, der Papyrus sei bislang falsch datiert worden und stamme nicht aus der Zeit «um 200», sondern sei «Mitte des ersten Jahrhunderts» entstanden. Bald darauf nennt Thiede im Rheinischen Merkur als Zeitpunkt «um 70».

Augenzeugen-Bericht über Jesus – das ist das Stichwort, das ein weltweites Echo auslöst. Auch in Deutschland lässt sich kaum eine Zeitung diesen Knüller entgehen.

«Jesus-Papyrus» nennt Thiede die Oxforder Fragmente des Matthäusevangeliums auch im Text seines Buches, und dutzendfach kehrt er dort seine Augenzeugen-These hervor.

Der «Jesus-Papyrus» könnte bereits «von Männern und Frauen gelesen worden sein, die mit Jesus durch Galiläa gewandert waren», schreibt er an einer Stelle. Und an einer anderen muss der Leser beinahe annehmen, sein Papyrus sei wie ein Extrablatt schon am Todestag Jesu verteilt worden: «Er hätte gut von einem Augenzeugen der Kreuzigung in Händen gehalten und gelesen werden können.»

Für etwa gleich alt erklärt Thiede in seinem Buch den anderen, den Jerusalemer Papyrus. Der wurde in einer Höhle bei Qumran am Toten Meer gefunden. Thiede behauptet, es sei ein Fragment mit Text aus dem Markusevangelium.

In den Höhlen von Qumran werden von 1947 bis 1956 etwa 900 Schriftrollen gefunden. Nur wenige sind relativ gut erhalten, darunter eine neun Meter lange Rolle. Von den meisten gibt es nur noch Fragmente, manche lediglich mit wenigen Buchstaben.

Die elf Höhlen liegen in der Nähe einer Siedlung, die etwa vom Jahr 100 vor bis zum Jahr 68 nach «Christi Geburt» bewohnt ist. Dann werden die Gebäude und mehrere Höhlen von römischen Truppen zerstört.

Noch immer streiten sich die Forscher, ob in Qumran Familien lebten oder Mönche, Soldaten oder Angehörige der Oberschicht aus dem 25 Kilometer entfernten Jerusalem.

Und uneinig sind sich die Experten auch über die Religion der Qumran-Bewohner. Meist wird angenommen, dass sie eine Sekte waren, die sich von der Religionsgemeinschaft der Essener getrennt hatte. Diese Auffassung, in Qumran habe «ein winziges Häuflein religiöser Sonderlinge» gelebt, hält der Göttinger Neutestamentler Hartmut Stegemann für falsch. Die Siedler seien Essener mit der gleichen Einstellung wie die anderen Mitglieder dieser Religionsgemeinschaft gewesen.

Die in den Höhlen gefundenen Leder- und Papyrusrollen bieten reiches Material über das Judentum vor und in der Zeit Jesu, insbesondere darüber, woran die Essener glaubten und wie sie lebten. Und sie lassen erkennen, worin sie sich von anderen gläubigen Juden sowie von den ersten Christen unterschieden und was sie mit ihnen gemeinsam hatten.