Die Weisen aus dem Morgenland

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Sehen wir uns die Überlieferungen über die Weisen aus dem Morgenland an: Ihre Zahl schwankt in den ersten Jahrhunderten. Origenes nennt als Erster die Dreizahl der Magier. Auf Wandgemälden der Domitilla-Katakomben sind vier statt der üblichen drei Könige dargestellt, in einer anderen Katakombe sind nur zwei Könige abgebildet.

Wer waren also diese Weisen, deren Zahl variiert und die sowohl als Philosophen, Magier aber auch als Sterndeuter bezeichnet werden?

Mit dem Begriff Heilige Drei Könige bezeichnet die katholische Tradition die in der Weihnachtsgeschichte des Matthäus-Evangeliums erwähnten Weisen aus dem Morgenland, die durch den Stern von Bethlehem zu Jesus geführt werden.

Während sie die Legenda Aurea als Sterndeuter, Philosophen und Magier sieht, schreibt bereits der Kirchenlehrer Tertullian Anfang des 3. Jahrhunderts von ihnen, sie seien fast wie Könige aufgetreten. Diese bringen ihre Gaben dar: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Gold
Für die Menschen der Antike ist Afrika eine einzige grosse Schatzkammer: Gold, Elfenbein, Weihrauch, Edelsteine, Edelhölzer und Sklaven – das sind die Schätze, die Nordafrika zu bieten hat.

Weihrauch
In den verschiedenen Epochen der ägyptischen Pharaonen wird Weihrauch bei vielen Kulthandlungen und bei der Mumifizierung verwendet. So nennen die alten Ägypter die Harzperlen des Weihrauchs den „Schweiss der Götter“. Viele andere antike Religionen und der orientalische und römische Herrscherkult kennen den Weihrauch.

Myrrhe
Im alten Ägypten nutzt man bereits vor 3000 Jahren Myrrhe zur Einbalsamierung. Das getrocknete, gelbbraune Harzgranulat wird seit Jahrtausenden vor allem in Jemen, Äthiopien, Sudan und Somalia verwendet. Im Judentum gehören Myrrhe und Aloe zur ordnungsgemässen Bestattung des Leichnams; sie sind aber auch Bestandteil von kultischen Salbungen (latinisiert „Christus“ - hebräisch: „Messias“ bedeutet „der Gesalbte“). Vor Christus wird Myrrhe unter anderem als Aphrodisiakum verwendet. Frauen und Männer tragen es als Parfum, Betten werden vor dem Geschlechtsverkehr damit beträufelt.

Aus welchen Ländern kommen also die Weisen, die Gold, Weihrauch und Myrrhe mitbringen? Am Beginn der christlichen Zeitrechnung herrschen die Römer in Syrien, Commagene, Judäa, Ägypten, Numidien und Mauretanien.

Was suchen die Weisen am Hof von Herodes in Jerusalem? Handelt es sich um eine geheime Zusammenkunft, um sich auszutauschen über ihre Besatzer, die Römer? Planen sie eine Revolte gegen die Römer?

Herodes stirbt im Jahr 4 vor Christus. Die Zusammenkunft muss also vorher stattgefunden haben.

Zwischen 10 und 4 vor Christus wird in Mauretanien Ptolemaeus geboren. Er ist der Sohn von König Juba II. und Königin Kleopatra Selene und der Enkel von Marcus Antonius und Kleopatra VII. In den römischen Provinzen Mauretanien und Numidien herrschen seine Eltern Juba II. und Kleopatra Selene. Bis zu ihrem Tod 30 v. Chr. herrschten sein Grossvater Marcus Antonius über den Osten des Römischen Reiches und seine Grossmutter Kleopatra VII. über Ägypten. Ptolemaeus hätte also legitime Ansprüche auf fast alle römischen Provinzen.

Der Evangelist Matthäus berichtet, dass sich Herodes von den Weisen hintergangen sah. Was danach geschah, wissen wir nicht. Vielleicht weihte Herodes die Römer in die Pläne der Provinzkönige ein, worauf die geplante Revolte vereitelt wurde. Auf jeden Fall geben Ereignisse am Königshof in Mauretanien grosse Rätsel auf. Starb Kleopatra Selene nach der Zusammenkunft der Weisen? Ein in Marokko gemachter Münzfund schliesst das aber aus. Gesichert ist, dass sich Juba II. in zweiter Ehe mit Glaphyra vermählte, der Witwe von Alexander, der um 7 v. Chr. von seinem eigenen Vater, Herodes dem Grossen, hingerichtet worden war. Vermutlich wurde diese kurzzeitige Eheverbindung geschieden, als Juba um 4 n. Chr. wieder nach Mauretanien zurückkehrte.

Flüchtet Kleopatra Selene mit ihrem Sohn Ptolemaeus nach Ägypten, in das Land ihrer Mutter, nachdem Juba II. um 1 nach Christus eine zweite Ehe mit Glaphyra einging?

Matthäus-Evangelium: Als Herodes gestorben war, da erschien dem Joseph in Ägypten ein Engel des Herrn im Traum und sagte: «Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und zieh in das Land Israel. Denn die dem Kind nach dem Leben trachteten, sind gestorben.» Da stand er auf, nahm das Kind und seine Mutter und zog in das Land Israel. Als er aber vernahm, dass Archelaus anstelle seines Vaters Herodes über Judäa regiere, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Auf eine Weisung hin, die er im Traum erhielt, zog er in das Gebiet von Galiläa und liess sich in einer Stadt mit Namen Nazareth nieder. So sollte das Prophetenwort in Erfüllung gehen: «Man wird ihn einen Nazaräer nennen.»

Wenn die Weihnachtsgeschichte aus dem Matthäus-Evangelium mit der Geschichte der Königsfamilie von Mauretanien identisch ist, dann könnte sich das Familiendrama so zugetragen haben:

5 vor Christus
Die von den Römern abgesetzten Kronprinzen aus Syrien, Commagene, Ägypten und anderen Provinzen versammeln sich am Hof von König Herodes, um das weitere Vorgehen gegen ihre Besatzer, die Römer, zu besprechen. Es kommt zum Zerwürfnis zwischen den Kronprinzen und König Herodes, der zu den Römern hält.

Die Kronprinzen machen sich auf den Weg nach Mauretanien zu König Juba II., auf den sie nun ihre Hoffnung setzen. (Matthäus-Evangelium: Der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, zog vor ihnen her, bis er schliesslich über dem Ort stehenblieb, wo das Kind war.)

Das Königspaar hält sich wohl nicht in ihrem Palast in Caesarea auf, sondern in einem ländlichen Teil ihres Reiches, vielleicht in der Nähe von Tingis (heute Tanger), Igilgili (heute Jijel), Saldae (heute Bejaia) oder Cirta (heute Constantine). Dem Königspaar wird ein Sohn geboren: Ptolemaeus.

Juba ist wie Herodes ein Vasallenkönig der Römer. Er wagt den Aufstand gegen die römischen Besatzer nicht.

Kleopatra Selene hat die Art und Weise, wie ihre Eltern gestorben sind, nicht vergessen. Sie kennt den Mörder: Octavian, der sich jetzt Kaiser Augustus nennt.

Die Kronprinzen aus den Provinzen ziehen unverrichteter Dinge wieder ab. (Matthäus-Evangelium: In einem Traum erhielten sie die Weisung, nicht zu Herodes zurückzukehren. So zogen sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurück.)

Zwischen Kleopatra Selene, die die Kronprinzen unterstützen wollte, und Juba kommt es zum Zerwürfnis.

4 vor Christus
König Herodes stirbt in Jerusalem und sein Sohn Herodes Archelaos wird Ethnarch von Judäa, Samaria und Idumäa.

1 nach Christus
Als sich Juba im Osten aufhält, heiratet er die kappadokische Prinzessin Glaphyra. Kleopatra Selene flieht mit ihrem Kind Ptolemaeus nach Ägypten.

4 nach Christus
Als sich Juba von Glaphyra scheiden lässt und nach Mauretanien zurückkehrt, verlassen auch Kleopatra Selene und Ptolemaeus Ägypten und kehren zurück nach Mauretanien.

18 nach Christus
Kleopatra Selene stirbt.

23 nach Christus
Juba II. stirbt und Ptolemaeus wird König von Mauretanien.