Die Spur führt nach Nordafrika

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Die Evangelisten Matthäus und Lukas führen uns auf eine falsche Spur, wenn sie von einer Volkszählung in der Provinz Syrien berichten. Die Schlüsselfigur ist zwar auch Publius Sulpicius Quirinius, aber meine Spurensuche führt in die römische Provinz Creta et Cyrene.

Allmählich sind alle Teile vorhanden und wir können beginnen, das Puzzle zusammenzufügen, sodass sich ein historisches Bild ergibt.

Creta et Cyrene ist eine Provinz des Römischen Reiches. Sie wird 67 v. Chr. aus der bereits seit 74 v. Chr. bestehenden Provinz Cyrene (Kyrenaika) und dem neu hinzugewonnen Creta (Kreta) gegründet.

Im Jahr 36 v. Chr. fällt die Provinz als Geschenk des Marcus Antonius in die Hand seiner Tochter Kleopatra Selene.

Im Gefolge des Aufstiegs von Octavian, der 31 v. Chr. als Augustus zum ersten römischen Kaiser wird, öffnen sich für Publius Sulpicius Quirinius zuvor verschlossene Karrierewege.

Spätestens 27 v. Chr. wird die Provinz unter Kaiser Augustus erneut eingerichtet und umfasst die Insel Kreta sowie die Landschaft Kyrenaika um die alte griechische Kolonie Kyrene auf dem nordafrikanischen Festland.

Zwischen 25 und 20 v. Chr. gibt Kaiser Augustus Kleopatra Selene dem zum König von Mauretanien erhobenen Juba II. zur Gemahlin. Durch die Vermählung wird sie Königin von Mauretanien.

Im Jahr 15 v. Chr. wird Publius Sulpicius Quirinius Prokonsul (Statthalter) der Provinz Creta et Cyrene.

Publius Sulpicius Quirinius bekämpft zwischen 15 und 12 v. Chr. erfolgreich die Garamanten, einen Stamm, der südlich der Grenze seiner Provinz in der Sahara ansässig ist. Diese Berber könnten unter dem Befehl von Juba II. und Kleopatra Selene gestanden haben, denn eine Statthalterschaft wird von den Römern vielfach missbraucht, um die Provinz wirtschaftlich auszubeuten und das eigene, durch Wahlkampfkosten geschwächte Vermögen wieder aufzubessern. Publius Sulpicius Quirinius muss wohl, nachdem die Provinz Creta et Cyrene Teil seines Amtsbereichs geworden ist, das Steuerwesen der neuen Präfektur organisieren. Dazu ist es notwendig, die steuerpflichtige Bevölkerung in Listen zu erfassen. Diese Volkszählung trifft wohl auf den Widerstand der Garamanten und auf den Widerstand von – Juba II. und Kleopatra Selene. Unter anderem, da die Bilder und Inschriften der zur Begleichung der Steuern künftig notwendigen römischen Münzen für gewöhnlich römische Gottheiten oder ein Porträt des Augustus in seiner Funktion als göttlicher Kaiser zeigen; beides erscheint der berberischen Bevölkerung als unvereinbar mit ihrer Religion, dem Animismus. Nach der Niederlage fliehen Juba II. und Kleopatra Selene vermutlich nach Ägypten.

Publius Sulpicius Quirinius kehrt als Kriegsheld nach Rom zurück und wird im Jahr 12 v. Chr. zum Konsul gewählt.

Die 30-jährige Kleopatra Selene schenkt Juba II. um 10 v. Chr. den Thronerben Ptolemaeus, 10 bis 15 Jahre nach der Vermählung.

Interessant ist eine Passage aus dem Lukas-Evangelium über die Verkündigung der Geburt Jesu: «Siehe, auch Elisabeth, deine Verwandte, hat in ihrem Alter noch einen Sohn empfangen, und sie, die für unfruchtbar gilt, zählt schon den sechsten Monat.»

Nachdem Publius Sulpicius Quirinius nach Rom zurückgekehrt ist, machen sich auch Juba II. und Kleopatra Selene auf in ihre Heimat Mauretanien.