Die Drei Kreuze auf Golgatha

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Die grösste Tragödie der Weltgeschichte spielt sich im Jahr 40 n. Chr. in Rom ab. Um die Schuld des römischen Imperiums abzuschwächen und um das Evangelium erfolgreich zu verbreiten, tarnen die ersten Evangelisten die Akteure teilweise mit Pseudonymen. Die Drei Kreuze auf Golgatha symbolisieren drei schreckliche Verbrechen der Römer.

Der Redakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, Matthias Schulz, schreibt in einem Artikel: «Viele Gelehrte gehen davon aus, dass hinter der Süssholzraspelei der Evangelisten ein taktisches Motiv stand. Weil die christlichen Urgemeinden einen Sträfling verehrten, lebten sie ohnehin schon gefährlich. Hätten sie die Schuld für dessen Tod auch noch dem Imperium in die Schuhe geschoben, hätte dies ihre Bekehrungsarbeit enorm erschwert.»

"Die Schuld der Römer abzuschwächen", so der Jurist Weddig Fricke, sei eine "wichtige Voraussetzung für eine möglichst erfolgreiche Verkündigung des Evangeliums im römischen Kaiserreich" gewesen.

Aber auch am hohen Tempo des Verfahrens hegen die Juristen Zweifel. Am Abend wird Jesus – laut Bibel – gefangen. Am nächsten Morgen hat er bereits Verhör und Verfahren durchlaufen, er wird gegeisselt und mit einem umgehängten Purpurmantel verspottet. Es bleibt sogar Zeit, ein Holzschild zu fertigen, auf dem das Verbrechen des Nazareners steht ("König der Juden"), und ihn halbtot durch die Stadt zu treiben. Gleichwohl hängt er schon zwischen acht und neun Uhr am Kreuz. Am frühen Nachmittag stirbt er.

Der im Talmud erwähnte Prozess gegen "Jeschu" dagegen dauerte viel länger. Dort sitzt er 40 Tage in Haft. Der Grund für die Rasanz im biblischen Drehbuch liegt auf der Hand: Jesus sollte möglichst punktgenau gegen 15 Uhr nachmittags sterben – unmittelbar vor dem Passafest. Das grosse Tierschlachten, das in Vorbereitung dieses Festes stattfand, wollten die Urchristen durch ihre höhere Opfervorstellung ersetzen. Jesus war ihr "Lamm Gottes". Auf geniale Weise deuteten die Verkünder der Kreuzesreligion das schreckliche Geschehen damit zum Triumph um und liessen einen Rebellen aus seinem Grab zum ewigen Leben auferstehen. Das eben war ihre "frohe Botschaft" (griechisch: "evangelion"). Zu diesem Zweck zeichneten sie Jesus besonders sanftmütig und legten ihm gnadenreiche Worte in den Mund. Der wahre Kämpfer für ein besseres Diesseits wurde vertuscht und in den Hintergrund gedrängt. So gesehen würde die christliche Religion auf Geschichtsklitterung fussen. Andererseits: Als Politiker erlitt der tapfere Mann aus Galiläa eine Pleite. Als Tröster und barmherziger Sohn Gottes lebt er bis heute fort.»

Das 1. Kreuz mit dem Schächer Gestas symbolisiert den grossen Judenaufstand im Jahre 4 v. Chr.

Nach dem Tod Herodes' des Grossen unternehmen die Nationalisten einen Aufstand gegen Herodes' Nachfolger Archelaos und verschanzen sich in Zelten rings um den Tempel. Die Soldaten des Archelaos erschlagen ihrer dreitausend, darunter viele, die zum Passahfest nach Jerusalem gekommen sind. Am darauffolgenden Pfingstfest rotten sich die Aufständischen wieder zusammen und müssen abermals ein grosses Schlachten über sich ergehen lassen. Die Kreuzgänge rings um den Tempel werden völlig eingeäschert, die Schätze des Heiligtums fallen den plündernden Legionen zum Opfer, und viele Juden legen in der Verzweiflung Hand an sich selbst. Auf dem Land bilden sich vaterländische Banden, die jedem Anhänger Roms das Leben heiss machen. Eine dieser Banden, die unter dem Befehl Judas' des Galiläers steht, erobert Sepphoris, die Hauptstadt von Galiläa. Varus, der Statthalter von Syrien, dringt mit zwanzigtausend Mann in Palästina ein, macht Hunderte von Dörfern und Städten dem Erdboden gleich, kreuzigt zweitausend Aufständische und verkauft dreissigtausend Juden als Sklaven.

Das 2. Kreuz mit dem Schächer Dismas symbolisiert den grossen Judenaufstand im Jahre 73 n. Chr.

Der römische Feldherr Flavius Silva belagert mit der 10. Legion die jüdische Festung Masada. Der Befehlshaber lässt den Berg mit einer über vier Kilometer langen Mauer umgeben, die durch acht Kastelle gesichert wird. Anschliessend schütten die Römer an der niedrigeren Westseite der Festung eine Belagerungsrampe auf, die schliesslich bis an die Mauern der Festung reicht. Über diese Rampe führen sie Rammböcke und andere Belagerungsmaschinen an die Festung heran, um die Mauer zum Einsturz zu bringen.

Der Historiker Flavius Josephus berichtet, dass die Belagerten beschliessen, als die Lage aussichtslos wird, lieber als freie Menschen zu sterben als den Römern in die Hände zu fallen: «Ein ruhmvoller Tod ist besser als ein Leben im Elend.» Per Los bestimmen sie einige Männer, die wechselseitig den Rest der Gruppe und anschliessend sich selbst töten sollen. Als die römischen Soldaten die Festung stürmen, erwartet sie nur Totenstille: 960 Männer, Frauen und Kinder haben sich getötet. Nur zwei Frauen und fünf Kinder haben sich verborgen gehalten und können berichten, was geschehen ist. Die Tat macht Masada bis heute zum Symbol des jüdischen Freiheitswillens.

Das 3. Kreuz mit Jesus von Nazareth symbolisiert die Ermordung von Ptolemaeus im Jahre 40 n. Chr.

Matthias Schulz: «Dass der Kriminalfall wirklich stattfand, steht ausser Zweifel. Schon damals galt er als brisant und schlug Wellen. Flavius Josephus erwähnt einen gemarterten "weisen Mann" namens Jesus. Dem römischen Historiker Tacitus zufolge liess Pilatus ihn hinrichten, weil er einen "unheilvollen Aberglauben" verbreite. Eine seltsame Notiz findet sich auch im Talmud. Dort taucht ein "Jeschu der Nazarener" auf, der wegen "Zauberei" und weil er "Israel verführt und abtrünnig gemacht hat", zusammen mit weiteren Banditen gehängt wird. Der Heiland als Rebell – haben biblische Zensoren da etwas umgeschminkt und geschönt?»